Bitte geben Sie eine Übersicht zum Unternehmen und Ihrer Funktion.
Seit der Übernahme des Unternehmens durch unsere Familie 2014 bin ich CEO und Delegierter des Verwaltungsrats der Nungesser-Gruppe. Nungesser ist ein traditionsreiches Beschaffungsunternehmen mit Fokus auf die Futtermittel- und Lebensmittelindustrie.
Im Bereich der Lebensmittelzutaten konzentrieren wir uns insbesondere auf Saaten, Hülsenfrüchte und Nüsse, die wir für Kunden in der Schweiz und ganz Europa beschaffen. Unsere Rohwaren stammen überwiegend aus Entwicklungs- und Schwellenländern. Das erfordert eine präzise Steuerung globaler Lieferketten, ein aktives Management geopolitischer Risiken sowie langfristige, vertrauensvolle Partnerschaften vor Ort.
Unsere Unternehmensphilosophie basiert auf nachhaltigem Handeln, hoher Zuverlässigkeit und der Überzeugung, dass wir entlang der gesamten Wertschöpfungskette echten Mehrwert schaffen; für unsere Kunden, unsere Partner im Ursprung und die Endverbraucher.
Welche Ihrer Produkte sind für die Backund Süsswaren-Branche von besonderer Bedeutung?
Für die Backwarenindustrie liefern wir ein breites Sortiment an Saaten, von Sonnenblumenkernen und Leinsaat bis zu Spezialitäten wie Sesam, Chia oder Quinoa, die zunehmend in gesundheitsorientierten Backanwendungen eingesetzt werden.
In der Süsswarenindustrie stehen unsere Nussprodukte im Vordergrund. Besonders stark nachgefragt sind unsere Haselnuss- und Walnussportfolios in verschiedensten Qualitäten und Verarbeitungsstufen, von ganzen Nüssen über Präparate bis hin zu Pasten. Sie bilden zentrale Bestandteile für viele Anwendungen unserer Industriekunden.
Welche Rolle, Aufgaben und Dienstleistungen übernehmen Sie genau?
Unser Hauptfokus liegt auf der weiterverarbeitenden Lebensmittelindustrie. Für diese Kunden übernehmen wir ein umfassendes Leistungsspektrum bezüglich Qualitätskontrolle und Analysemanagement, zudem gehören zu unseren Aufgaben der Warentransport, Importlogistik, Zwischenlagerungen und Versorgungssicherheit bis hin zu Finanzierung, Risikomanagement und Terminsteuerung.
In den letzten Jahren haben wir unser Dienstleistungsportfolio zudem gezielt erweitert: Wir bieten heute zusätzliche Verarbeitungsleistungen wie Rösten, Abpacken, Brechen oder weitere wertschöpfende Bearbeitungsschritte direkt am Produkt an.
Bitte geben Sie uns eine Übersicht zur Beschaffung Ihrer wichtigsten Produkte.
Wir beziehen unsere Rohstoffe überwiegend direkt aus den Ursprungsländern und arbeiten dort seit vielen Jahren eng mit Produzenten und Verarbeitern zusammen. Unser Ziel sind faire, langfristige und für beide Seiten wertstiftende Partnerschaften, die uns gemeinsam in Qualität, Zuverlässigkeit und Verarbeitungskompetenz weiterbringen.
Ein zentraler Bestandteil unserer Beschaffungsstrategie ist die Nachhaltigkeit; in ökologischer, sozialer und ökonomischer Hinsicht. Wir legen besonderen Wert auf verantwortungsvolle Arbeitsbedingungen und transparente Prozesse entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Vor Kurzem haben Sie über den Zusammenschluss mit der Birlin-Mühle informiert – welche Vorteile verbinden sich damit?
Für unsere Kunden, insbesondere aus der Süsswarenindustrie, ergeben sich durch den Zusammenschluss mehrere klare Vorteile.
Erstens stärken wir damit unser Produkt- und Markt-Know-how im Haselnussgeschäft. Dadurch können wir unseren Kunden eine unabhängige, fundierte Einschätzung der verschiedenen Ursprungsländer bieten.
Zweitens konnten wir durch die erweiterte Zusammenarbeit unsere Produzentenpartnerschaften deutlich vertiefen und ausbauen. Für alle zentralen Kundenbedürfnisse und Produktkategorien, wie Präparate, Bio-Qualitäten oder Pasten, verfügen wir heute über verlässliche, qualitativ hochstehende Partner in den wichtigsten Ursprungsländern.
Darüber hinaus entstehen durch den Zusammenschluss wertvolle Synergien in operativen Bereichen wie der Logistik. Diese ermöglichen uns effizientere Abläufe, stabilere Lieferketten und eine noch zuverlässigere Versorgung unserer Kunden.
Welche Herausforderungen stellen sich aktuell besonders – wie gehen Sie damit um?
Die Komplexität in der Beschaffung von Lebensmittelzutaten hat deutlich zugenommen. Zentrale Einflussfaktoren sind geopolitische Risiken wie aktuell nun auch im Nahen Osten. Dazu kommen die bekannten klimatischen Veränderungen und stark volatile Ernteergebnisse. Praktisch jedes Jahr zeigen zwei bis drei Produkte extreme Preisschwankungen aufgrund externer Faktoren – dieses Jahr etwa die Haselnüsse und Chia.
Um diese Herausforderungen zu bewältigen, setzen wir auf eine Kombination von Massnahmen. Nur so können wir unsere Kunden zuverlässig und bedarfsgerecht beliefern.
Wir setzen auf langfristige Partnerschaften, die uns eine hohe operative Flexibilität ermöglichen. Wichtig ist das kontinuierliche Monitoring aller relevanten Ursprungsländer, was uns auch die aktive Entwicklung neuer Ursprünge erschliesst, um unsere Beschaffung resilienter zu machen. Dabei ist das professionelle Risikomanagement fest in unserer Unternehmens- DNA verankert.
Sie engagieren sich stark bezüglich Nachhaltigkeits- Best-Practices und Wertschöpfungs- Kooperationen – welche Vorteile ergeben sich daraus?
Die Regulierungen der Lebensmittelsicherheit, der komplexen Bioanforderungen und weiterer Nachhaltigkeitsstandards bringen grosse Aufwände mit sich.
Durch unsere enge Zusammenarbeit im Ursprung kennen wir die lokalen Bedingungen sehr genau – vom Anbau über soziale Standards bis hin zu Qualitätsparametern. Diese Nähe ermöglicht stabile Qualitäten, geringere Risiken für unsere Kunden sowie insgesamt eine glaubwürdige Nachhaltigkeitsleistung.
Wir arbeiten ausschliesslich mit Partnern zusammen, die faire Arbeitsbedingungen und faire Preise gewährleisten. Besonders wichtig ist uns, dass Kleinbauern in Entwicklungsländern konkret profitieren – etwa durch verbesserte Einkommen, Zugang zu Bildung oder Risikoabsicherung. Regelmässige Besuche, unabhängige Audits und unsere eigenen Richtlinien schaffen Transparenz und stellen sicher, dass Standards nicht nur formell erfüllt, sondern täglich gelebt werden.
Welche Bedeutung nehmen für Sie Bioqualität und weitere Standards ein?
Bioqualität und Nachhaltigkeitsstandards gewinnen für unsere Kunden seit Jahren stark an Bedeutung. Unser Bio- und Nachhaltigkeitsportfolio wächst entsprechend überproportional. Während die Schweiz bereits eine hohe Marktdurchdringung aufweist, sehen wir auch in vielen europäischen Märkten eine deutlich steigende Nachfrage nach zertifizierten, transparenten und nachhaltig produzierten Rohwaren.
Mehr als die Hälfte unserer Lieferanten ist heute bio-zertifiziert oder verfügt über anerkannte externe Nachhaltigkeitszertifizierungen und -audits. Gleichzeitig arbeiten alle unsere Partner im Ursprung nach klar definierten Nachhaltigkeitskriterien. Dadurch können wir unseren Kunden nicht nur qualitativ hochwertige Rohwaren liefern, sondern auch eine verlässliche, auditierbare und glaubwürdige Nachhaltigkeitsleistung entlang der gesamten Lieferkette gewährleisten.
Bezüglich Nachhaltigkeitsbewertung arbeiten Sie mit der Organisation EcoVadis zusammen – die Beweggründe dafür?
EcoVadis ist einer der weltweit führenden Anbieter von Nachhaltigkeitsratings und bewertet Unternehmen anhand international anerkannter Standards. Wir wurden im vergangenen Jahr mit der Goldmedaille ausgezeichnet – das bedeutet: Top 5 Prozent aller bewerteten Unternehmen unserer Kategorie.
Für uns ist EcoVadis besonders wichtig, weil viele unserer Kunden EcoVadis zunehmend in ihre Lieferantenbewertung integrieren. EcoVadis berücksichtigt und unterstützt zudem unsere Anstrengungen in der nachhaltigen Beschaffung explizit – und somit einen Kern unseres Geschäftsmodells.
Welche konkreten Optimierungen ergeben sich aus den vorhandenen Zertifizierungen und der Nachhaltigkeitsbewertung?
Zertifizierungen und Bewertungen liefern uns gezielte Rückmeldungen, die wir aktiv zur Weiterentwicklung nutzen. Auf Basis dieses Feedbacks konnten wir die Kommunikation mit unseren Lieferanten zu nachhaltigen Beschaffungsanforderungen weiter professionalisieren und dadurch konkrete Verbesserungen der Arbeitsbedingungen für Mitarbeitende im Ursprung erzielen. Die insgesamt stärkere Sensibilisierung unseres Teams für Nachhaltigkeitsthemen, erleichtert die systematischere Identifikation von Best-Practice-Lösungen bei Besuchen vor Ort. All diese kontinuierlichen Verbesserungsprozesse schaffen messbaren Mehrwert entlang der gesamten Lieferkette.
Welche «offenen Baustellen» sehen Sie – auch mit Blick auf die ganze Branche?
Eine der grössten Herausforderungen bleibt die Transparenz in globalen Lieferketten. Viele Rohwaren durchlaufen mehrere Stationen, wodurch Rückverfolgbarkeit und soziale Standards nicht immer vollständig nachvollziehbar sind.
Weitere zentrale Herausforderungen bringen soziale und ökologische Fragestellungen im Ursprungsland mit sich. Dazu kommen steigende regulatorische Anforderungen und insgesamt die steigende Komplexität bei gleichzeitigem Kostendruck.
Als Branche müssen wir Wege finden, diese Komplexität zu bewältigen, ohne Lieferketten zu überlasten. Für Nungesser ist die Weiterentwicklung der Transparenz und der langfristigen Partnerschaften im Ursprung ein strategisches Kernthema.
Vielen Dank für das Gespräch!