Anja Fiedler ist Geschäftsleiterin der HACO AG. Quelle: HACO AG

Luftbild: HACO AG in Gümligen (BE). HACO AG

Ein Jahrhundert Innovation als Tradition

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HACO – das Unternehmen ist in der Branche seit Generationen ein Begriff. Zum 100-Jahr-Jubiläum befragte «Lebensmittel-Industrie» Anja Fiedler, Geschäftsleiterin der HACO AG.

Wo positioniert sich die HACO AG in diesem Umfeld? Wie gestalten sich Arbeitsteilungen und Kooperationen?
Die HACO AG ist ein integraler Bestandteil der HACO-Gruppe und zählt mit zu den «Herzstücken» der Gruppe, nicht zuletzt auch historisch bedingt, da schlussendlich die Gruppe aus der HACO AG entstanden ist. Die verschiedenen Gesellschaften der Gruppe arbeiten eng zusammen, um Markt- und Kundenbedürfnisse im Interesse der Kunden und Konsumenten bestmöglich abzudecken. So vertreibt der Bereich Food Service Schweiz beispielsweise auch Produkte der  Schwesterfirmen Gautschi, Merschbrock-Wiese und Bigfood und kann so unseren Schweizer Kunden eine grössere Sortimentsbreite und folglich Convenience-Lösungen anbieten.

Das Videoporträt zum 100-Jahr-Jubiläum gibt einen eindrücklichen Einblick in die Firmengeschichte – was waren die wichtigsten Meilensteine?
Zwei wichtige Meilensteine nach der Gründung 1922 waren mit Sicherheit der Eintritt in den Lebensmittelmarkt im Jahr 1925 und der Beginn der Zusammenarbeit mit Migros im Jahr 1929. Ein weiterer grosser Meilenstein war der Einstieg in das Snack/Riegelgeschäft 1979, das heute eine für uns wichtige Kategorie repräsentiert. Vision, Mut, Innovation und Pioniergeist haben die HACO seit ihren Anfängen begleitet, entsprechend dürften auch wegweisende Patente wie z. B. das Entkoffeinierungsverfahren von Kaffee mit Wasser, welches noch heute als «Swiss Water Prozess» weltweit bekannt ist und eingesetzt wird, als Meilenstein betrachtet werden. Dass die HACO auch verschiedentlich als «First Mover» im Markt bekannt wurde – so hat sie beispielsweise als Erste in der Schweiz gefriergetrockneten Instantkaffee hergestellt – ist bestimmt auch Teil der technologisch bedeutenden Meilensteine.

Natürlich gab es dazwischen noch etliche Meilensteine wie den Erhalt des Nobelpreises für Medizin – auch wenn das Pharmageschäft veräussert wurde, kann man diese starken Kompetenzen noch heute in unserer Entwicklungsabteilung spüren und in unseren Produkten wiederfinden. Last but not least darf der 2004 getroffene Entscheid, sich international aufzustellen, als Meilenstein betrachtet werden. Die Phase der Internationalisierung dauert seit da, sowohl mit der Gründung wie auch mit dem Zukauf von Tochtergesellschaften, erfolgreich an und ist ein wegweisender Teil der Firmengeschichte geworden, den man sich heute nicht mehr wegdenken kann.

Eigenständigkeit ist der HACO seit den Gründungszeiten sehr wichtig – wie konnte dies erhalten bleiben?
Die HACO Die HACO verdankt diese Unabhängigkeit auch heute selbstverständlich noch ihren Aktionären und  den Nachkommen der Gründerfamilien, die teils auch im Verwaltungsrat vertreten sind und somit aktiv Einfluss auf unsere Strategie nehmen können. Diese Konstellation hat uns geholfen, stets eine gute Balance zwischen Innovation sowie Weiterentwicklung und Erhalt unserer Tradition, schweizerischer Qualität und Stärken wie unternehmerisches und vorausschauendes Denken und Handeln aufrechtzuerhalten. Wichtige Elemente dieser Strategie sind langjährige Partnerschaften mit unseren Kunden und herausragende Leistungen.

Seit den Pionier-Zeiten wirkt Ihr Unternehmen als wichtiger Lieferbetrieb für die Migros – wie entstand damals die Zusammenarbeit?
Die Zusammenarbeit mit der Migros begann bereits im Jahr 1929 und dauert somit nun schon fast so lange an, wie es die HACO gibt – sie begann durch einen Handschlag zwischen dem Migros-Gründer und dem damaligen HACO-Chef. Vielen Personen ist die Geschichte bekannt, dass in der Anfangszeit die Migros-Lastwagen nachts bei uns vom Hof fuhren, denn Migrossah sich mit Lieferboykotten konfrontiert – der HACO-Chef Lüscher war hingegen bereit, die Migros zu beliefern. Durch diese Kooperation wurden Produkte wie Eimalzin zu Kultprodukten, Mirador oder  Toro-Flüssigwürze war in vielen Haushalten zu finden ebenso wie typisch schweizerische Lebensmittel wie Flädli-, Mehl- oder Pilzcremesuppen und auch Saucen.

Welchen Stellenwert nimmt die Kooperation heute ein?
Noch heute ist die Migros für uns ein wichtiger Kunde in den verschiedenen Segmenten und wir pflegen einen engen Austausch, sei es im Rahmen von Produktentwicklungen und Innovation oder auch im Rahmen von Prozessoptimierungen. Dazu gibt es beispielsweise regelmässige Meetings, wo sich die jeweiligen Category-Teams austauschen und die Pläne abstimmen.

In der Lebensmittelbranche nimmt die HACO eine wichtige Rolle als B2B-Zulieferbetrieb ein. Welche Entwicklungen stehen im Vordergrund?
Die Lebensmittelbranche ist einerseits natürlich ein sehr beständiges Feld – «Essen muss jeder Mensch» –, aber auch hier, wie in vielen anderen Industrien, hat sich die Veränderungsrate in den letzten Jahren stark erhöht und erfordert erheblich mehr Agilität und Flexibilität sowie das stärkere Antizipieren von Konsumententrends – und somit Kundenbedürfnissen – als vielleicht in der Vergangenheit. Gleichzeitig eröffnen sich neue Segmente und Kanäle wie der Anstieg des e-commerce als Resultat der Pandemie.

Diese externen Trends müssen wir beantworten durch Anpassungen unserer Produktionskapazitäten und Technologien, um stets auf dem neuesten Stand zu sein oder diesen zu prägen, was wiederum Anpassungen für die Mitarbeitenden bedeutet, die heute andere Anforderungen erfüllen müssen als vor 100 Jahren.

Mit «Custom-Made Foods » bieten Sie individuelle Sortimente und Dienstleistungen nach Mass – Praxisbeispiele?
Wir haben einen sehr starken Fokus auf individuelle Produktentwicklung und Dienstleistung nach Mass, das unterscheidet uns auch von unseren Mitbewerbern auf dem Markt. Wir gehen auf die tatsächlichen, individuellen Bedürfnisse und Wünsche unserer Kunden ein und kreieren Produktlösungen, die genau dem entsprechen, was unsere Kunden gesucht haben. Viele unserer innovativen Produkte stehen deshalb unter diversen Eigenmarken des Handels in den jeweiligen Regalen und erfreuen tagtäglich die Konsumentinnen und Konsumenten.

Unsere Produktlösungen sind so vielfältig und individuell wie unsere Kunden, einzelne Innovationen hervorzuheben ist daher eher schwierig, und selbstverständlich haben wir mit einigen Kunden Stillschweigen vereinbart. Nur so viel sei gesagt, egal ob im Bereich Kaffee, Gewürze, Suppen, Bouillon, Saucen oder Riegel: Bei vielen innovativen Produkten war HACO massgeblich an der Entwicklung beteiligt.

Stichwort Nachhaltigkeit: Welche Ziele stehen für Ihr Unternehmen im Vordergrund?
Nachhaltigkeit ist nicht erst seit gestern ein Thema in unserem Unternehmen. Wir beschäftigen uns intensiv mit effizientem Energieeinsatz, Reduktion unserer CO2-Emissionen, Verhinderung von Food Waste und Abfällen und investieren in der gesamten HACO-Gruppe aktiv und mit bedeutenden Summen in stets energieeffizientere Anlagen und in die Erschliessung von alternativen Energien wie Solarenergie oder, in einem Beispiel, auch Wasserkraft. Unser Kaffeesatz wird in Biogas umgewandelt und zur Stromproduktion verwendet. Wir forcieren rezyklierbare Verpackungen und unterstützen so unsere Kunden und Konsumenten in ihrer eigenen Nachhaltigkeit. Ethik ist uns wichtig und wir unterstützen und befolgen den ETI-Codex. Selbstverständlich lassen wir unsere Nachhaltigkeits- und Umweltaktivitäten durch unabhängige externe Fachstellen wie Ecovadis auditieren.

Wie wirkt sich dies auf Ihre Sortiments-Entwicklung aus?
Die Nachfrage des Handels nach Nachhaltigkeit in den Produkten und den Verpackungen ist deutlich gestiegen. Dies bedeutet einerseits eine steigende Komplexität in der Beschaffung der Rohstoffe. Andererseits freut es uns, dass wir durch die gestiegene Nachfrage des Handels auch auf der Produktebene einen wertvollen Beitrag zur Steigerung der Nachhaltigkeit und zur Erhaltung unserer Natur und Biodiversität leisten können. Denn die Haltbarmachung von Lebensmitteln über Trocknung ist ein jahrhundertealter Prozess, der beim Ruf nach frischen Lebensmitteln oft in Vergessenheit gerät, obwohl man getrocknete Lebensmittel viel länger aufbewahren kann und dadurch die Lebensmittelverschwendung massiv reduziert werden kann.

Pflanzenbasierte Sortimente gewinnen stark an Bedeutung – was heisst dies für Ihre Innovationen und Entwicklungen?
Vegane Suppen waren in der Forschung und Entwicklung bei HACO bereits ein Thema als der Markt noch nicht gewachsen ist. Wir haben festgestellt, dass Konsumentinnen und Konsumenten nicht nur einfach pflanzenbasierte Produkte wollen, sondern Produkte mit einem hohen Genussfaktor. Und genau da setzen wir in der Innovation und Entwicklung an und bringen unsere langjährig aufgebaute kulinarische Kompetenz ein, damit die pflanzenbasierten Produkte auch ein Maximum an Genuss bieten und gut schmecken.

Verstärken die aktuellen Herausforderungen in der Lieferkette die Beschaffungs-Strategie?
Generell, und im Besonderen in den vergangenen zwei Jahren, sind die Anforderungen an die Supply Chain massiv höher geworden. Damit ist die Beschaffungsstrategie vermehrt in unseren Fokus gerückt. Mit Risiko-Awareness, Multi- oder Nearsourcing und nicht zuletzt auch durch Sicherheitsbestände erreichen wir eine resilientere Supply Chain, die uns hilft, unsere Kunden weiterhin in gewohnt guter Servicequalität zu bedienen. Auch der Austausch innerhalb der HACO-Gruppe hilft uns sehr.

Welchen Stellenwert nimmt dabei die Swissness ein?
Im Sinne eines Schweizer Produktionsstandortes und der Herstellung von Schweizer Qualitätsprodukten nimmt Swissness bei uns einen sehr hohen Stellenwert ein. Aufgrund der sehr eng gefassten Swissness-Produkteregeln können wir jedoch unsere Produkte nicht mit dem Prädikat Swissness ausloben, obwohl unsere Produkte mit grösster Sorgfalt und zu 100 Prozent in der Schweiz hergestellt werden.