Welche Herausforderungen stellen sich derzeit besonders – für Ihr Unternehmen speziell?
Auf der einen Seite freuen wir uns, dass nach den Kontaktbeschränkungen durch Corona das Leben wieder normale Bahnen nimmt. Die Gastronomie ist wieder offen, Events werden wieder durchgeführt und die Menschen haben Freude, wieder gemeinsam zu feiern. Auf der anderen Seite schauen wir alle besorgt auf die kriegerischen Handlungen in der Ukraine. Besorgt zuallererst, weil wir wie viele gedacht haben, dass im modernen Europa Konflikte nicht mehr mit den Waffen und deren Folgen für die Bevölkerung ausgetragen werden. Der Krieg hat aber auch Auswirkungen auf die Märkte und die Lieferketten. Die Energiepreise haben zuerst angezogen und sie werden längerfristig einen Preis- Effekt auf alle anderen Faktoren des Einkaufs haben. Dann spüren wir die Abhängigkeit von Lieferketten. Oft sind es dabei nicht die offensichtlichen Dinge, die man auf dem Radar hat, welche Probleme bereiten. Dabei zeigt sich, dass wir uns wieder gewöhnen müssen zu improvisieren und uns eben nicht wie bisher darauf verlassen können, dass allesreibungslos funktioniert.
Zucker ist ein grosses Thema, das ganz speziell auch im Zusammenhang mit Getränken diskutiert wird. Wie stellt sich Ihr Unternehmen dieser Thematik?
Für uns Menschen in der Schweiz ist das Essen und Trinken selbstverständlich, und wir leben eher in einer Zeit des Überflusses. Das hat aber auch seine Kehrseite, da wir von vielem zu viel essen. Erfrischungsgetränke werden in diesem Kontext immer wieder als Hauptübel eines hohen Zuckerkonsums verschrien. Die Branche macht circa 10 Prozent des Zuckerverbrauchs der Schweizer Bevölkerung aus. Seit Jahren arbeitet die Rivella AG an kalorienarmen Varianten. Zum einen wurde bereits 1958 sehr pionierhaft Rivella Blau mit Zuckerersatzstoffen auf den Markt gebracht. In der Zwischenzeit fokussieren wir aber immer stärker auf natürlich gesüsste Produkte mit einem möglichst tiefen Zuckergehalt. In dem Sinn nehmen wir die Kritik an unserer Branche ernst und arbeiten kontinuierlich an leichteren und trotzdem schmackhaften Produkten.
Diverse Getränkehersteller rühmen sich, ihre PETFlaschen aus 100 Prozent Rezyklat herzustellen. Wie sieht dies bei den Rivella-Flaschen aus?
Durch die Verwendung von rezykliertem «rPET» bei der Herstellung von Getränkeflaschen können wir den Energieverbrauch deutlich reduzieren und die Verwendung von neuem PET, sogenanntem «virgin PET» signifikant reduzieren. Lange war dies nur mit transparentem PET möglich. Seit etwas mehr als zwei Jahren kann man dies auch für die Farbfraktionen in Braun und in Grün tun. Dieser Umstand ist für uns wichtig und wir können seither unsere eigenen gebrauchten PET Flaschen im Umlauf lassen. Wir versprechen nicht 100 Prozent rPET, denn gesammelt werden lediglich rund 82 Prozent. Wir versprechen langfristig, dass wir alles braune rPET, das wir aus der PET Flaschensammlung zurückerhalten, als Recyclat wieder in unsere Flaschen eingearbeitet wird. Aktuell sind wir bei 50 Prozent.
Die Rivella AG feiert dieses Jahr ein rundes Jubiläum – wie kam es damals zur Unternehmensgründung?
Die 70 Jahre sind für uns ein Geburtstag. Das Jubiläum kommt dann mit 75 im Jahr 2027. Rivella ist 1952 in der Nachkriegszeit entstanden. Die Rivella AG wurde 1952 in Stäfa im zürcherischen Oberland gegründet. Unser Gründer Robert Barth hatte dabei die Idee, die Laktose in der Molke für die Herstellung eines Erfrischungsgetränks zu verwenden. Dies in einer Zeit, in der Zucker eine Mangelware war. Es wurde intensiv an der Aromatisierung des Getränks gearbeitet mit dem Ziel, den Gaumen eines Weinliebhabers zu erfreuen. Dies die Original-Zitate aus der Firmen-Chronik.
Dabei ist der Gedanke, Molke als Nebenprodukt der Käseherstellung als Milchserum in Rivella in der menschlichen Ernährung zu erhalten, heute so aktuell wie damals. Unverändert sind auch die guten Beziehungen zur ersten Verarbeitungsstufe der Schweizer Milchwirtschaft, die den Rohstoff «Milchserum» liefert, eine klare flüssige Substanz, welche die Milchmineralien und den Milchzucker beinhaltet. Wie heute bei den Start-ups waren die ersten Jahre nicht immer von Erfolg geprägt, und die Rivella AG musste durch stürmische Zeiten segeln. Es ist Robert Barth und seiner Familie zu verdanken, dass sie hartnäckig eine Idee verfolgt und Rivella zu dem gemacht haben, was es heute ist.
«Rivella» kennen zumindest schweizweit die meisten – die Geschichte der Namensbildung die wenigsten …
Der Tessiner Ort Riva San Vitale war bei der Namensgebung von Rivella Geburtshelfer. Per Zufall ist Robert Barth im Kursbuch des öffentlichen Verkehrs der Schweiz auf diese Ortschaft gestossen. Via das italienische Wort «Rivelazione» (die Offenbarung) wurde der Markenname Rivella geschaffen. Es war dabei erklärter Anspruch, dass der Markenname in allen Schweizer Landessprachen zu Hause sein sollte.
Wo sehen Sie Ihre Rolle in der Schweizer Getränkebranche?
Als national tätiges Familien-KMU ist unsere Position im Getränkemarkt schon aussergewöhnlich. Mit der Marke Rivella schaffen wir es in unterschiedlicher Breite in sehr vielen Getränkesortimenten in der Schweiz verfügbar zu sein. Eine ähnlich breite Distribution schaffen in der Regel nur grosse, multinationale Unternehmen. Dabei hat Rivella mit seiner Milchserumbasis ein klares Alleinstellungsmerkmal. Daher ist die Marke in praktisch allen Konkurrenzsortimenten mit von der Partie. Als Rivella sind wir gegenüber den multinationalen Mitbewerbern klein und agil. Entsprechend können wir unsere Angebote stark auf die Bedürfnisse der Schweizer Konsumentinnen und Konsumenten zuschneiden.
Rivella rot und blau sind seit Jahrzehnten bekannt – mittlerweile ist die Rivella-Familie grösser geworden – Zukunftspläne?
Rivella ist über die Zeit farbiger geworden und umfasst heute auch Rivella Grün und Rivella Refresh. Ab 2016 folgten fruchtigere Varianten mit Rhabarber, Pfirsich, Mango, Holunderblüte, Grapefruit. Dabei ist spannend zu sehen, dass die Rivella-Fans alle Neuheiten sehr rasch nach deren Erscheinung probieren und sich eine Meinung bilden. Auf die Zukunft bezogen, planen wir die Fruchtvarianten weiter zu reduzieren und wieder mehr Logik ins Sortiment zu bringen. Das neue «Enertea by Rivella», die jüngste Lancierung unter der Absendermarke Rivella, ist für uns der Einstieg in das koffeinhaltige Geschäft.
Neu führen sie mit Focuswater auch ein Vitaminwasser im Sortiment. Sind Sie damit zufrieden?
Die Entwicklung der Marke Focuswater, aber auch der Kategorie Vitamingetränke insgesamt, gestaltet sich sehr dynamisch und erfreulich. Leichte, mit Vitaminund Mineralstoffen angereicherte Getränke sind im Trend und verdrängen bestehende Konzepte. Wir sind weiterhin engagiert im Distributions- und Sortimentsausbau und gleichzeitig haben wir auf 2022 mit Focuswater Push & Calm die ersten Vitaminwasser ohne Zugabe von Zucker und Süssungsmitteln lanciert. Die beiden Produkte sind neben Vitamin- und Mineralstoffen zusätzlich mit Koffein (Push) und Hanfsamendestillat (Calm) angereichert.
Rivella gibt es mittlerweile auch in einer Bio-Variante. Welche Bedeutung nehmen Bio- und Labelprodukte allgemein ein?
Je näher ein Produkt dem Rohstoff ist, umso bedeutender ist der Anteil der Labelprodukte an deren Umsatz. Im Bereich der Erfrischungsgetränke ist deren Absatz bis dato noch sehr klein und auch das Rivella Schweizer Minze, welches wir gemeinsam mit Coop vermarkten, ist heute von untergeordneter Bedeutung. Trotzdem gibt es eine gesunde Basis an Menschen, die das Rivella Schweizer Minze schätzen, sie ist aber im Vergleich der übrigen Rivella-Konsumentinnen und -Konsumenten noch sehr klein.
Welche Rolle nimmt Swissness und die Herkunft der Rohstoffe ein – für Rivella, für das Gesamtsortiment?
Unsere Konsumentinnen und Konsumenten in der Schweiz erwarten, dass Rohstoffe wie das Milchserum oder der Zucker für ein Rivella aus der Schweiz kommen. Das war in der Vergangenheit so und das wird auch in Zukunft so bleiben, solange die Rohstoffe in genügender Menge und Qualität verfügbar sind. Rivella ist pure Swissness, auch wenn wir dies mit unserem Etikettenlogo auch nur stilistisch und nicht mit einer Original-Schweizerfahne kennzeichnen.
Gleichzeitig spielt die Schweiz in der Vermarktung von Rivella in unserem wichtigsten Exportland den Niederlanden gar keine Rolle. Die Mehrheit der niederländischen Bevölkerung ist gar der Ansicht, dass die Marke ihre Wurzeln im holländischen Friesland hat. Das Milchserum im Rivella von Holland stammt aber aus der Schweiz. Rivella liefert den Grundstoff an seinen Lizenzpartner Vrumona BV, der die Produkte dann vor Ort herstellt und vertreibt.