Lebensmittel-Industrie – Bitte geben Sie uns eine Unternehmens-Übersicht.
Christof Züger: Die Züger Gruppe AG ist die Muttergesellschaft der Züger Frischkäse AG in der Schweiz und weiterer Produktionswerke der Milchwirtschaft in Deutschland.
Die Geschichte des Unternehmens reicht bis zu unserem Ur-Urgrossvater in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Als aktuelle Leitungsgeneration konnten wir, Christof und Markus Züger, die Exportmärkte erschliessen und neue Spezialitäten wie den Grillkäse und ein vielfältiges Convenience-Sortiment lancieren.
Welches sind Ihre Aufgaben im Unternehmen?
Als CEO der Züger Gruppe AG bin ich Mitglied des Verwaltungsrates und in dieser Funktion auch verantwortlich für den Absatz nach Europa.
Die Vertretung unserer Unternehmensgruppe in der Branchenorganisation Milch (BOM) nimmt als mein Nachfolger seit dem 1. Mai 2025 Mario Breu als CEO der Züger Frischkäse AG wahr. Weiterhin engagiere ich mich als Vorstandsmitglied der Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell.
Mit der neuen Organisationsstruktur kann ich mich noch stärker auf die Gruppenleitung und Weiterentwicklung des Unternehmens fokussieren.
Welche Bedeutung haben der Schweizer Markt einerseits und der Export andererseits?
Rund 45 Prozent des Gesamtvolumens an Käse und Butter werden in der Schweiz abgesetzt, rund 50 Prozent im Euroraum und die weiteren 5 Prozent in Drittländern.
Die Herstellung erfolgt zu rund 75 Prozent in der Schweiz durch die Züger Frischkäse AG. Die weitere Produktion erfolgt an unseren Standorten in Deutschland.
Die wichtigste Kategorie ist unser Frischkäse-Sortiment aus der Schweiz, das rund einen Drittel des Exports ausmacht. Wir sind der drittgrösste Exporteur aus der Schweiz. Wichtige Märkte liegen in Deutschland, den Benelux-Staaten sowie Frankreich und Österreich.
Welche Bedeutung haben Bioqualität und weitere Nachhaltigkeitsaspekte?
Wir produzieren seit 1993 Bio-Frischkäse in der Schweiz und waren somit die Bio-Pioniere in unserem Marktsegment. Nachhaltigkeit ist uns sehr wichtig, sowohl die wirtschaftliche als auch die ökologische und soziale Nachhaltigkeit.
Mit unserem Bio-Sortiment sind wir auch im europäischen Markt eine wichtige Biomarke in verschiedenen Ländern, namentlich in Deutschland, den Benelux-Ländern sowie Frankreich und Italien.
Mit unserer Sortimentspositionierung erfüllen wir eine langfristige Nachfrage-Entwicklung. Frischkäse wächst seit längerem schneller als die traditionellen Halbhart- und Hartkäsesorten. Die starke Nachfrage nach Frischkäse entspricht der wachsenden Verbreitung der mediterranen Ernährung. Unser Frischkäse-Sortiment, erweitert durch diverse Dipp-Sorten, bietet dafür die Zutaten für verschiedenste Verwendungen.
Im Biomarkt zeigt sich diese Entwicklung noch stärker. Wir sind also bezüglich Marktentwicklung besonders in diesem Sortiment noch immer Trendsetter.
Sie engagieren sich auch für pflanzliche Alternativen – wie genau?
Wir produzieren höchst erfolgreich pflanzliche Frischkäse-Alternativen in Oberbüren und exportieren davon 90 Prozent in den EU-Raum.
Wir arbeiten dabei mit der Proteinas AG von Bischofszell zusammen, die für unseren industriellen Bedarf GVO-freie Sojaextrakte herstellt. Die Anlieferung erfolgt in flüssiger Form als frischer pflanzlicher Extrakt, den wir vergleichbar mit klassischen Milchprodukten direkt aufbereiten.
Welche Auswirkungen hatte der heisse Sommer auf die Milchversorgung Ihres Unternehmens?
Wir beziehen rund 75 Prozent unseres Milchbedarfes von unseren Direktlieferanten. Somit ist die Grundversorgung für unsere Frischprodukte jederzeit gewährleistet. Den Rest beziehen wir über Handelsmilch. Natürlich sind die Milchmengen unserer Direktlieferanten zurückgegangen, etwa 5-7 Prozent mehr als in den Sommermonaten der letzten Jahre.
Welche Herausforderungen stehen derzeit für die Branche im Vordergrund?
Im Gesamtmarkt sind die Lagerbestände noch nicht abgebaut. Das Überangebot, teilweise auch politisch gesteuert und gestützt, wird daher im Herbst wohl wieder zunehmen.
Wir haben eine Branchenorganisation Milch (BOM) und die ist sehr wertvoll. Insbesondere die Segmentierung der Milch führt zu mehreren Millionen CHF Mehrerlös für die Milchproduzenten, was grundsätzlich gut ist. Leider wird die Branchenorganisation Milch (BOM) immer mehr verpolitisiert und der Markt hat grundsätzlich immer weniger Bedeutung.
Doch wir sind in der Marktwirtschaft und nicht in der Planwirtschaft und somit kommt die Milchwirtschaft nicht am Markt vorbei. Marktpolitische Massnahmen werden erfahrungsgemäss mit zeitlicher Verzögerung umso schmerzhafter vom Markt wieder «ausgehebelt». Darum setzte ich mich in meiner Zeit als Vorstand der Branchenorganisation Milch (BOM) immer für Marktnähe ein und nicht für Politik!
Wie geht es Ihrer Branche betreffend Fachkräfte?
Die Bauern finden Nachwuchs, somit ist die Branche attraktiv. Wir von der Industrie finden immer weniger inländische Fachkräfte, Schichtund Wochenendarbeit ist im heutigen Zeitgeist unattraktiv. Somit fehlen uns inländische Fachkräfte, die Zukunft einiger Gewerbe- und Industriebetriebe der Milchverarbeitung ist leider nicht gesichert.
Für unsere Branche brauchen wir insbesondere Fachleute mit Lehrabschluss Milchtechnologe/- in EFZ oder Milchpraktiker/-in EBA. Wir investieren daher viel in die eigene Aus- und Weiterbildung, mittlerweile auch als Erwachsenenlehre. Dazu gehören nach Bedarf auch eigene Sprachkurse für ausländische Mitarbeitende. Wir bieten für motivierte Immigranten Entwicklungsperspektiven.
Wie sieht es aus mit den auf die Lebensmittelbranche ausgerichteten Studienabschlüssen?
Früher war die ETH die «Kaderschmiede» für die Industrie. Wir wurden als Ingenieure ausgebildet, heute sind sie Lebensmittelwissenschaftler. Viele Absolvierende sind «verakademisiert» und finden eine Anstellung bei den Verwaltungen und Verbänden. Leider hält dasselbe Phänomen auch in die FH-Studiengänge Einzug. Zu wenige Abgänger kommen in die Industrie und setzen ihr Fachwissen ein.
Der Wirtschaft fehlen die hochwertigen Fach- und Führungskräfte. Das fördert die Bürokratisierung und das Ausdehnen der Stakeholder- Interessen durch Verbände und NGO. Dies schwächt die Wirtschaft und damit den Motor, der die Gesellschaft am Laufen hält.
Welche Kooperationen bestehen mit Start-up- und Innovations-Netzwerken?
Wie erwähnt arbeiten wir eng mit einem Startup zusammen, um industriellen Entwicklungen im Bereich Pflanzenprotein-Extraktion zum Durchbruch zu verhelfen. Ab einer gewissen Unternehmensgrösse ist es einfacher, neuartigen Entwicklungen und Technologien ausserhalb der eigenen Wände zum Durchbruch zu verhelfen und am Schluss zu integrieren.