«Swissness ist kein Selbstläufer»


Die 1931 gegründete Gysi AG Chocolatier Suisse ist fokussiert auf den Bereich Private Label. Inhaber und Geschäftsführer Thomas Gysi erzählt im Interview über die Herausforderungen in diesem Business-Bereich und nimmt Stellung zu brisanten Branchenthemen wie Swissness und Schoggigesetz. Zusätzlich spricht er über Qualitätsmanagement, Automation und Herstellungsprozesse.

Interview: Christoph Hämmig

Seit 1931 stellt Ihr Unternehmen Schokoladenprodukte her und ist in der Bundeshauptstadt Bern domiziliert. Obwohl Sie kaum schweizerischer sein könnten, hielten Sie am letzten Branchenkongress «Brennpunkt Nahrung» ein Referat zum Thema «La Suisse n’existe pas». Wie kam es zu dieser Aussage?
Thomas Gysi: Im Rahmen der Swissness-Debatte wollte ich zum Denken anregen. Viele Leute meinen, dass sich ein Produkt praktisch von selbst verkauft, wenn es ein Schweizerkreuz auf der Verpackung trägt. Aber: Swissness in einem Produkt ist kein Selbstläufer und das Kreuz kein Freipass für Fantasiepreise. Wir zelebrieren in der Schweiz oft eine vermeintlich heile Welt, die vor allem durch landwirtschaftliche Kreise unterstützt wird. Die Realität sieht aber anders aus. Es geht nicht immer um Rohstoffe, sondern auch um Innovationen und um unternehmerische Leistung. Das wollte ich zum Ausdruck bringen.

Die Automation ist auch bei Gysi ein Dauerthema.

Tragen Ihre Produkte das Schweizer kreuz?
Thomas Gysi: Teilweise ja, aber nicht überall. Sehen Sie: Wir sind im Private-Label-Bereich tätig und da wird anders gewichtet. Ob ein Produkt mit Swissness ausgelobt wird oder nicht, entscheidet in vielen Fällen der Kunde. Manchmal legt der Auftraggeber keinen Wert darauf, das Produkt als schweizerisch zu kennzeichnen, weil andere Überlegungen im Zentrum stehen. Was hingegen immer wichtig ist, ist die Qualität und die Einzigartigkeit des Produkts. Wir bewegen uns in einem stark umkämpften Markt. Wir spüren einen starken Wettbewerb unter anderem aus Belgien, Deutschland, Frankreich sowie aus osteuropäischen Ländern.

Sind Firmen aus Osteuropa auch die Preisbrecher der Branche?
Thomas Gysi: Nicht unbedingt. Das günstigste Schokoladenpreisniveau finden wir nicht etwa in Polen, sondern in Deutschland. Warum das so ist, ist schwer zu sagen. Ausschlaggebend dafür sind unter anderem der Handel, die Konsumenten – und bestimmt auch die grossen Volumen in der Herstellung.

Sie nennen viele neue Tendenzen. Welche Entwicklungen stellen Sie im Bereich der Produkte fest?
Thomas Gysi: Anfang Jahr haben wir wie immer an der ISM in Köln ausgestellt. Aus meiner Perspektive gesehen lautet das Fazit, dass es in den letzten Jahren dort wenig neue Erkenntnisse gab und eigentlich keine neuen, bahnbrechenden Produkte. Das war auch dieses Jahr nicht anders.

Trotzdem ist die Schokoladenbranche in Bewegung. Wie passen Sie sich an respektive wie sieht Ihr Geschäftsmodell konkret aus?
Thomas Gysi: Unser Geschäft baut auf zwei Pfeilern auf: einerseits das Segment Private Label und andererseits das Victorinox-Sortiment mit den Schoggisackmessern. Im Fall von Victorinox sind wir nur der Absender des Produkts. Wir verantworten aber die gesamte Herstellung sowie die weltweite Distribution. Für den Bereich Private Label legte bereits mein Grossvater den Grundstein, indem er sich von der eigenen Confiserie mit Tea Room verabschiedete und begann, im Auftrag für seine Berufskollegen Produkte herzustellen. Diesem Prinzip folgen wir bis heute, nur sind in der Zwischenzeit die Kunden grösser geworden und der Markt globaler.

Wie setzt sich Ihr Herstellungsvolumen zusammen?
Thomas Gysi: Zu stark ins Detail möchte ich hier nicht gehen. Ich kann sagen, dass der Bereich Private Label den grössten Anteil ausmacht und wir 80 Prozent unseres Umsatzes in der Schweiz generieren. Den grössten Wachstumsmarkt sehen wir künftig im Export. Auch für das Victorinox Chocolate Knife suchen wir laufend neue Distributoren. Aktuell arbeiten wir mit Partnern in den USA, in England und in Deutschland zusammen.

Sie möchten die Exporte forcieren. Welches ist für Sie der grösste Auslandmarkt?
Thomas Gysi: Gegenwärtig ist das England.

Und künftig?
Thomas Gysi: In Nordamerika lässt sich meiner Ansicht nach noch einiges realisieren. Als interessant stufe ich auch Asien ein, insbesondere China mit Hongkong, Singapur sowie Japan und Korea.

Wer sind im Segment Private Label Ihre Kunden?
Thomas Gysi: Die wichtigsten machen Retailer, Grossisten und Industriepartner aus. Klassische Offenwaren stellen wir natürlich auch für Confiserien her, die wir seit einem Jahr über Pistor bedienen.

Konkret nachgefragt: Produzieren Sie auch für Migros und Coop?
Thomas Gysi: Wir produzieren für viele namhafte Kunden.

Wechseln wir zum Thema Herstellungsprozess: Was hat sich in diesem Bereich wesentlich verändert?
Thomas Gysi: Wenn wir andere Branchen betrachten, hat sich bei uns keine komplett neue Technologie durchgesetzt. Vielmehr wurde die Produktion kontinuierlich weiterentwickelt und natürlich arbeiten wir heute mit grösseren Chargen als früher. Verglichen zu ganz grossen Schokoladenherstellern ist bei uns der Automationsgrad viel kleiner. In gewissen Segmenten leisten wir auch heute noch Handarbeit. Die Automation ist jedoch zu einem steten Thema geworden, weil der Effizienzgedanke kontinuierlich steigt. Das ist auch bei uns so. Auf der anderen Seite ist es uns wichtig, dass wir so flexibel bleiben, dass wir massgeschneidert auf Kundenwünsche eingehen können. Das zeichnet uns gegenüber Grossanbietern natürlich aus.

Welches sind Ihre Hauptprodukte?
Thomas Gysi: Im Bereich der Likör-Stängeli haben wir in der Schweiz eine starke Marktposition. Ein weiteres Segment bilden Truffes und Pralinés. Das dritte Standbein bilden die sogenannten Dragées, welche mit unserer Firma tief verwurzelt sind. Schon mein Grossvater stellte sie her. Als Ergänzung unserer Palette bieten wir auf Wunsch auch Halbfabrikate an.

Woher beziehen Sie Zutaten?
Thomas Gysi: Wo möglich aus der Schweiz. Kakao kaufen wir nicht selber ein, sondern lassen unsere eigene Couverture durch Felchlin herstellen. Zucker kaufen wir direkt ein – und spüren bereits die Auswirkungen der Swissness-Regulierung. Die Preise sind seit vergangenem Herbst massiv gestiegen.

Welche Bedeutung nimmt heutzutage das Qualitätsmanagement ein?
Thomas Gysi: Eine ganz zentrale. Gerade weil wir im Private-Label-Bereich tätig sind, kommt dem Qualitätsmanagement eine noch höhere Gewichtung bei. Unsere Kundschaft ist sehr anspruchsvoll und so waren wir beispielsweise eines der ersten Schweizer Unternehmen, das BRC-zertifiziert war. Auch in Zukunft wird das Qualitätsmanagement eine hohe Priorität einnehmen.

Die Produktion wird kontinuierlich weiterentwickelt.

Das sogenannte «Schoggigesetz» wird bekanntlich abgeschafft. Was heisst das für Sie konkret?
Thomas Gysi: Beim Schoggigesetz ging es faktisch um Schmerzensgeld für die Verwendung nur bedingt marktfähiger Schweizer Rohstoffe. Das Konstrukt sorgte dafür, dass die Industrie nicht auf günstigere ausländische Produkte setzte. Grundsätzlich funktionierte das. Was jetzt passiert, ist bedauerlich. Für mich ist befremdend, wenn landwirtschaftliche Kreise versuchen, die Spielregeln zu ihren Gunsten zu ändern. Von der Nachfolgelösung erwarte ich primär, dass die Industrie nicht schlechter gestellt wird und dass vor allen Dingen eine verlässliche, langfristig tragfähige Lösung gefunden wird – ohne jährliches Feilschen um die Höhe der Gelder.

Wie hat sich die Währungssituation auf Ihre internationale Tätigkeit ausgewirkt?
Thomas Gysi: Schwieriger als die Euro-Situation ist für uns der Brexit, weil das Pfund rund 15 Prozent seines Wertes verloren hat. Da wir einige Kunden in England haben, ist die Lage unerfreulich und wir müssen mit unseren Partnern Gespräche führen, die alles andere als einfach sind. Und so lange die Austrittsmodalitäten nicht klarer sind, wird sich das Pfund nicht erholen. Ich gehe deshalb davon aus, dass sich die Währung in den nächsten zwei Jahren nicht stabilisieren wird.

Wie lauten die Zukunftspläne der Gysi AG Chocolatier Suisse?
Thomas Gysi: Wir werden unseren Weg selbstständig gehen, erschliessen neue Märkte und entwickeln für Kunden neue, innovative Produkte und Konzepte.



Lebensmittel-Industrie Ausgabe 3/4 April 2017