Über Trends


Liebe Leserin, lieber Leser

Vegane Lebensmittel sind «in», Fleisch ist «out». So lauteten sogenannte Trends im vergangenen Jahr. Doch: Was ist eigentlich ein Trend? Wer den Begriff googelt, findet zahlreiche Antworten. «Ein Trend (von engl. to trend «in einer bestimmten Richtung verlaufen» bzw. «drehen» oder «wenden») ist ein Instrument zur Beschreibung von Veränderungen und Strömungen in allen Bereichen der Gesellschaft», lautet eine Erklärung. Wikipedia wiederum hält fest: «Ein Trend steht für eine besonders tiefgreifende und nachhaltige Entwicklung.» Nun lässt sich über die Interpretation dieser Ausführungen natürlich engagiert diskutieren. Die Entwicklung in Richtung veganer Ernährung kommt wohl einem Trend gleich, da es sich um eine Verhaltensänderung in der Esskultur gewisser Menschen handelt. Aber: Jene Konsumenten, die sich als echte Veganer bezeichnen, lassen sich im einstelligen Prozentbereich beziffern (konkret 2,2 %). Das heisst: Sehr wenig Menschen essen ausschliesslich vegan, geniessen aber eine hohe mediale Publizität, weshalb dieser Thematik in der Öffentlichkeit überproportionale Aufmerksamkeit zukommt. Vertreter der Lebensmittelindustrie können sich deshalb getrost die Frage stellen, ob es sich angesichts dieser Tatsache um einen echten Trend handelt. Zwei prägende Eigenschaften scheinen die oben beschriebenen Voraussetzungen eines Trends nur unzulänglich zu erfüllen: Es lässt sich darüber streiten, ob der Veganismus tiefgreifend ist und ob und wie nachhaltig die erwähnte Entwicklung tatsächlich ist. Ein Trend macht nicht nur Klasse aus, es braucht auch die Masse – ansonsten sprechen wir treffender von einer temporären Macke. Wie an dieser Stelle bereits im letzten Jahr beschrieben, gibt es zu jedem Trend einen Gegentrend, zu jeder Studie eine Gegenstudie. So liegt die Sachlage auch zum Thema Fleisch, dem vorschnell das Label «out» umgehängt wurde. Wissenschaftler sprechen von einem Gegentrend hin zum Fleischkonsum. Fleisch zu essen ist nicht nur zuhause, sondern auch in der Szene-Gastronomie wieder sehr en vogue, wie kürzlich die «NZZ am Sonntag» berichtete. Das verbindende Element zwischen diesen Gegensätzen ist der bewusste, achtsame Konsum. Wir essen nicht einfach Fleisch, wir essen es bewusst, und zwar nach Möglichkeit nach dem Nose-to-Tail-Prinzip, um wenig tierischen Abfall zu produzieren. Der Konsument wünscht sich Fleisch von Tieren aus der unmittelbaren Region. Er will wissen, wie das Kalb oder das Rind hiess, wo es geweidet hat und von wem es gefüttert wurde. Das mag nun (noch) etwas übertrieben klingen. Aber tendenziell geht die Entwicklung in diese Richtung.

In unserem Interview (Seite 8) bestätigt Markus Bigler, CFO des Fleischverarbeiters Bigler, dass der Kunde vermehrt nach detaillierten Informationen verlangt, weil es sich bei Fleisch um ein sehr emotionales Produkt handelt. Und: Bigler stellt ferner fest, dass Convenience-Produkte überproportional stark wachsen: Insbesondere pfannenfertige Produkte sowie Food to go sind stark gefragt. Diesbezüglich lässt sich von einer neuen Entwicklung sprechen. Wie nachhaltig und tiefgreifend dieser Trend sein wird, lässt sich in den nächsten Jahren beurteilen.

Christoph Hämmig
Chefredaktor



Lebensmittel-Industrie Ausgabe 1/2 Februar 2017