Kuh versus Klima


Der Bericht des Bundesrates vom 9. Dezember 2016 trifft eine lapidare Feststellung zur Erreichbarkeit der Treibhausgasziele für die Schweizer Landwirtschaft: «Ohne weitergehende Massnahmen kann das Umweltziel wahrscheinlich nicht erreicht werden. Die Intensität der Produktion ist zu prüfen.» Dies ist ein Eingeständnis, dass sich unsere Landwirtschaft zunehmend auf Kollisionskurs mit den Klimazielen befindet. Ein Hauptproblem ist das Gas Methan, das Wiederkäuer beim Verdauungsvorgang freisetzen. Beispiel Milchkuh: Bei Grasfütterung werden nahezu 10 Prozent der aufgenommenen Energie direkt in Methan umgesetzt. Methan hat eine 25-fach höhere Klimawirkung als Kohlendioxid und trägt weltweit 20 Prozent zum anthropogenen Treibhauseffekt bei. Böse Zungen könnten behaupten: Liebe Viehbauern, Ihr seid der Braunkohletagebau der Ernährungswirtschaft.

Bei uns darf man solche Dinge natürlich nicht sagen. Schweizer Vieh wird schliesslich extensiv und artgerecht gehalten und ist daher automatisch nachhaltig. Wer wird da schon mit Umwelteffizienz kommen wollen! Und der Kopf im Sand funktioniert bisher gut. Trotz ehrgeiziger Ziele ist der Methaneintrag seit der Jahrtausendwende unverändert hoch geblieben, ebenso wie die üppigen Direktzahlungen für graslandbasierte Milch- und Fleischproduktion.

Es ist lehrreich, sich Analysen von Kollegen aus der EU anzuschauen, wo man weniger Beisshemmungen hat. Eine Forschergruppe aus Göteborg1 hat letztes Jahr vorgerechnet, dass die EU ihren Rindfleischsektor um mindesten 50 Prozent verkleinern muss, wenn sie ihre Klimaziele erreichen will. Die Milchwirtschaft der EU könne nur umweltkompatibel gemacht werden, wenn ganz erhebliche Fortschritte bei der Umwelteffizienz erzielt werden. Und zwar nicht durch extensivere oder artgerechtere Haltung, sondern durch Innovationen in der Fütterungstechnik. Die Crux bei der Methanreduktion ist Kontrolle über die Fütterung. Durch punktgenauen Einsatz bestimmter Futterzusätze kann die Methankonversion bei Wiederkäuern gesenkt werden. Viele solcher Zusätze werden gegenwärtig entwickelt und erprobt. Unabhängig davon, welche sich schliesslich durchsetzen, gilt aber derselbe Grundsatz: Die notwendige Kontrolle über die Fütterung ist im Anbinde- und Freilaufstall möglich, aber nicht ohne Weiteres auf dem Weideland (dazu wären andere Grassorten nötig). Von romantischen Visionen freilaufender Mutterkuhherden auf traditionellem Schweizer Grasland sollten wir uns daher verabschieden. Da die Schweizer Landwirtschaft offenbar nicht handeln will, sollte es die Industrie tun, bevor es zu spät ist. Vor 50 Jahren hätte niemand damit gerechnet, dass Investitionen in den Braunkohleabbau heute als «stranded assets» betrachtet würden. Aber Milch ist nicht Kohle. Die Milchindustrie gehört zu den innovativsten Branchen der Lebensmittelwirtschaft. Sie verfügt über starke Marken und global tätige Unternehmen, die ihre Marktmacht nutzen können. Letzlich auch, weil die grössten dieser Unternehmen nicht darauf angewiesen sind, ihre Produktion in der Schweiz zu halten. Eine weitsichtige Einkaufspolitik und ein sauber gestrickter Lieferantenkodex können Wunder bewirken. Dies hat sich schon beim Palmöl gezeigt. In ähnlicher Weise könnte die Industrie Innovationen in der Rinderhaltung durchsetzen und sich damit zum Champion der Klimaziele machen. Denn glückliche Kühe allein werden den Klimawandel nicht aufhalten.

Prof. Dr. Joachim Scholderer
Forschungsdirektor, Center for Corporate Responsibility and Sustainability (CCRS) an der Universität Zürich



Lebensmittel-Industrie Ausgabe 1/2 Februar 2017