Bio von Anfang an!


Die biologische Landwirtschaft braucht standortangepasste Sorten, die ohne Pestizide und Dünger gedeihen. Die Getreidezüchtung Peter Kunz (gzpk) ist heute eine der führenden biodynamischen Züchtungsorganisationen in Europa. Seit 35 Jahren züchtet gzpk als gemeinnütziger, unabhängiger Verein Kulturpflanzen im Hinblick auf Anpassungsfähigkeit, Stabilität und Klimatoleranz und schafft damit die Grundlage für die Bio-Landwirtschaft und das Essen auf unserem Teller. Der Erfolg lässt sich sehen: gzpk-Weizensorten haben einen Marktanteil von rund 70 % in der Schweiz – 7 von 10 Bio-Broten werden aus den gzpk-Weizensorten gebacken.

Neben dem Weizenzuchtprogramm bearbeitet gzpk europaweit als einzige Biozüchtung Dinkel, Triticale und Emmer und hat bereits mehrere Sorten für den Biolandbau auf dem Markt. Bei den Zuchtprogrammen Erbsen und Sonnenblumen werden in Kürze erste Bio-Sorten erwartet.

Die Ansprüche an Neuzüchtungen sind vielfältig; so müssen die neuen Sorten auf dem Feld in Entwicklung und Wachstum überzeugen, mit Krankheits- und Schädlingsdruck umgehen können, auswuchsfest sein und einen guten Ertrag liefern. Bei den Spelzgetreiden Dinkel und Emmer spielen zusätzliche technische Faktoren, wie gute Dresch- und Röllbarkeit, eine wichtige Rolle. Neben den agronomischen und technischen Kriterien müssen auch die Qualitätsansprüche für die weitere Verarbeitung erfüllt werden: Proteinwerte, Klebereigenschaften, Wasseraufnahme im Teig, um nur einige zu nennen. Die Auswertungen aller Eigenschaften werden bei der Auswahl der Pflanzen berücksichtigt.

Aufgrund des Verzichts auf Kunstdünger steht dem Biogetreide im Vergleich zu jenem aus konventionellem Anbau naturgemäss weniger Stickstoff zur Verfügung. Dies wird in der Verarbeitung sichtbar, da die Proteingehalte des Weizens im Mittel der Jahre um 2% tiefer liegen. Um diesem limitierenden Faktor Rechnung zu tragen, setzen wir in der Züchtung auf stickstoffeffiziente Weizentypen, welche trotz leicht geringerem Proteingehalt eine hohe Proteinqualität und damit eine stabile Backqualität erreichen. Damit ist sowohl der Verarbeitung gedient, welche eine gleichbleibende Qualität erhält, als auch den LandwirtInnen, welche einen angemessenen Ertrag einfahren.

Taufrisch stehen derzeit die fünf gzpk-Dinkelsorten Gletscher, Copper, Raisa, Edelweisser und Serpentin in einem breit angelegten Praxisversuchsanbau. Denn unsere Arbeit ist mit der Züchtung allein nicht getan. Wir begleiten unsere Sorten über den Züchtungsprozess hinaus bis auf die Äcker. In Zusammenarbeit aus Landwirtschaft, Müllerei und Bäckerei werden die Sorten in der Praxis getestet. Die Resultate des ersten Versuchsjahres sind vielversprechend: Sowohl im Anbau als auch bei der Verarbeitung überzeugen die Sorten. Das Arbeiten im Netzwerk mit allen Akteuren der Wertschöpfungskette führt zu einer wertvollen Sicht aufs Ganze, stärkt die Biobranche und schafft Raum für neue Ideen und Platz für einen bereichernden Austausch.

Biozüchtung ist heute dringender gefragt denn je: Machtkonzentrationen der Saatgut-Multis und der Rückzug des Staates aus der Forschung machen die Arbeit der gzpk unabdingbar. Das vermehrte Arbeiten in Netzwerken fördert das Verständnis für die Anliegen der Biozüchtung. Zusammen sind wir stärker. Für Bio von Anfang an!

Franca dell’Avo arbeitet seit 10 Jahren für die Getreidezucht Peter Kunz (gzpk). Sie ist verantwortlich für die Dinkel- und Emmerzüchtung.



LEBENSMITTEL-INDUSTRIE 7/8 2019