Von Nährwerten und Handelshemmnissen


In verschiedenen Ländern wird aktuell über die freiwillige Einführung von Nährwertkennzeichnungsmodellen auf der Vorderseite von Verpackungen von Lebensmitteln diskutiert. Ziel ist es, eine zusätzliche Orientierungshilfe beim Einkauf zu bieten. Die dafür ins Feld geführten Symbole, wie Ampeln, Batterien, Sterne, unterscheiden sich erheblich.

Neben der britischen «Ampel» und einer von Italien vorgeschlagenen Lösung wird die Diskussion vor allem von einem französischen und einem deutschen Modell dominiert. Der von der französischen Regierung unterstützte «Nutri-Score» führt zu einer pauschalen Bewertung von Produkten. Die deutsche Regierung macht Mängel dieser Lösung geltend und hat deshalb ein eigenes Modell in Auftrag gegeben. Dieses bewertet nebst dem Gesamtprodukt auch die einzelnen Gehalte an Energie, Fett, gesättigten Fettsäuren, Zucker und Salz. Dieses Modell und Alternativen werden im Sommer mittels Konsumentenbefragung getestet. Erst danach will die deutsche Regierung darüber entscheiden, welches Modell sie künftig offiziell unterstützen wird.

Mit unterstützenden Massnahmen wollen Behörden verschiedener Länder erreichen, dass vereinfachende Angaben auf Verpackungen richtig verstanden werden. Eine grenzüberschreitende Abstimmung entsprechender Aktivitäten wäre wichtig, um Handelshemmnisse zu verhindern. Solange es keine europäische Harmonisierung gibt, sind vor allem die Entwicklungen im wichtigsten Exportmarkt Deutschland wichtig. Dessen ungeachtet hat sich das Eidgenössische Departement des Innern (EDI) aber bereits auf das französische Modell fixiert. Unter allen möglichen Modellen will das EDI nur Nutri-Score unterstützen. Die Schweizer Unternehmen sollen sich gemäss EDI bis im Sommer entscheiden, ob sie mitmachen oder nicht. Auch die Verfügung eines deutschen Gerichts, welches bei Nutri-Score eine Verletzung gesetzlicher Vorschriften sieht, bringt das EDI nicht von diesem Express-Fahrplan ab.

In der Schweiz hat es sich bislang bewährt, vor Entscheiden mehrere Alternativen zu prüfen, die Betroffenen zu konsultieren, unterschiedliche Sichtweisen anzuhören und möglichst breit abgestützte Lösungen zu finden. Dies sollte auch für die Frage gelten, welches freiwillige Front-of-Package-Label von den Behörden unterstützt wird. Auch eine Diskussion handelsbezogener Aspekte wäre wichtig. Ein Grund für ein übereiltes Vorgehen ist nicht ersichtlich. Schon heute sind auf Lebensmittelverpackungen umfassende Informationen zu Zutaten und Nährwerten aufgedruckt. Zudem gibt es eine Vielzahl von Apps, die Nährwertangaben und weitere Informationen zur Verfügung stellen. Die Fähigkeit zur Interpretation solcher Informationen beruht letztlich auf der generellen Ernährungskompetenz der Bevölkerung. Dies gilt unabhängig davon, ob die Informationen auf Verpackungen, Apps oder in anderen Quellen auffindbar sind. Deshalb wäre eine Diskussion um die Vermittlung ernährungswissenschaftlicher Erkenntnisse (z. B. in Schulen) eigentlich viel wichtiger als die gegenwärtige Fokussierung auf Instrumente wie Nutri-Score.

Urs Furrer, Co-Geschäftsführer der Föderation Schweizerischer Nahrungsmittel-Industrien fial



LEBENSMITTEL-INDUSTRIE 5/6 2019