Die Nachbarn wieder bemerken

Gut zu wissen, dass wir Schweizerinnen und Schweizer Nachbarn haben. Allein das Handelsvolumen der Schweiz mit Baden-Württemberg übertrifft jenes mit China um 30 Prozent. Mit der Lombardei wird um einen Drittel mehr Handel betrieben als mit Japan, und der Austausch mit Tirol ist gleich umfangreich wie jener mit Kanada. Rund 1,4 Millionen EU-Bürgerinnen und -Bürger haben ihren Wohnsitz in der Schweiz. Gut 470 000 Schweizerinnen und Schweizer leben in EULändern. 80 Prozent des exportierten Schweizer Käses geht in die EU.

Die Schweiz liegt in Europa! Geschichtlich, wirtschaftlich, geografisch, kulturell ist die Schweiz eng mit Europa und der EU verbunden. Rund um die Schweizer Landwirtschaft und in weiten Teilen der Ernährungswirtschaft herrscht jedoch seit Jahren ein Sprachgebrauch, der die Distanz zum Elsass, zu Vorarlberg oder Bayern in unseren Köpfen laufend grösser werden lässt. Im Umfeld der Agrarpolitik ist es toxisch, über eine Integration in die Märkte der Nachbarländer laut nachzudenken. Der Bundesrat mit seiner Gesamtschau hat das erfahren. Das ist fatal. Egal wie die laufenden und kommenden Abstimmungen über unser Verhältnis zu Europa oder über die unzähligen Agrarvorlagen ausfallen: Gerade im Schweizer Ernährungssektor können wir uns den Nachbarn nicht entziehen. Zum Glück nicht, denn die Ackerflächen in der EU sind für unsere Ernährungssicherheit ähnlich wichtig wie die im Inland.

Die Agrarallianz hat 2008 eine erste Qualitätsstrategie veröffentlicht. Sie wollte Qualitätsüberlegungen in die Diskussionen um ein Freihandelsabkommen mit der EU einbringen. Sie glaubte daran, offenere Grenzen mit besseren Leistungen für die Umwelt und die Konsumenten zu verbinden. Zehn Jahre später ist eine Debatte über eine Annäherung an die EU-Märkte kein Thema mehr. Im Gegenteil: Die Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft ist ein Wirtschaftssektor, der oft missbraucht wird, um Emotionen gegen die EU und Brüssel zu schüren.

Wir Schweizer Konsumenten gehen dafür über die Grenze einkaufen. Wie würden die Zahlen des Käseexports aussehen, wenn wir den Euro eingeführt hätten? Ist ein Gewinn für die Branche und die Natur mit weniger Grenzschutz kombinierbar? Solche und ähnliche Fragen sollten wieder gestellt werden. Denkblockaden sind gefährlich und verdecken die Sicht auf die Chancen. Nur wer schlechte Nachbarn hat, weiss gute wirklich zu schätzen. Wir haben gute. Zeit, sie wieder wahrzunehmen.

CHRISTOF DIETLER, Mitinhaber der Agentur pluswert und Geschäftsführer der Agrarallianz im Mandat

Die Agrarallianz strebt eine Agrarpolitik an, die allen Akteuren zwischen der Heu- und der Essgabel nützt und die Natur freut.



LEBENSMITTEL-INDUSTRIE 9/10 2018