Mühlenbranche lehnt «Gesamtschau» ab

Pünktlich zur parlamentarischen Sommersession zur «Gesamtschau zur mittelfristigen Weiterentwicklung der Agrarpolitik» kommunizierte der Dachverband Schweizerischer Müller (DSM) seine Positionen.

Die Mühlenbranche lehnt die Gesamtschau als zu einseitig auf die weitere und undifferenzierte Öffnung des Schweizer Marktes ausgerichtet ab. Die Mühlenbranche ist bereits seit Jahren unter starkem wirtschaftlichem Druck. In den vergangenen 10 Jahren sind 27 Mühlenbetriebe verschwunden. Heute existieren in der Schweiz noch 47 Mühlen. Dies entspricht einem rückläufigen Strukturwandel von 3.6 Prozent pro Jahr.


Versuchsgärten der Getreidezüchtung Peter Kunz in Feldbach. Bildquelle: Peter Jossi

Evolutive Entwicklung weiterführen
Die bisherige Agrarpolitik entsprach einer evolutiven Entwicklung. Sie wurde von der Bevölkerung mitgetragen. Das in der Gesamtschau skizzierte Konzept stellt demgegenüber einen Systembruch dar. Die Landwirtschaft soll zugunsten der übrigen Industrie weitere Freihandelsschritte auf sich nehmen. Dies ohne direkten Nutzen und obschon der Nettoversorgungsgrad heute bei gerade 50 Prozent liegt. Ein solches Vorgehen, kurz nachdem sich das Schweizer Volk mit grossem Mehr hinter die Ernährungssicherheit gestellt hat, erscheint als unredlich.

Ernährungssicherheit erhalten

Der Brotgetreideanbau ist ein zentraler Faktor der Ernährungssicherung. Ein auf Unabhängigkeit und Selbstständigkeit ausgerichtetes Land wie die Schweiz kann es sich nicht leisten, auf diesen Sektor zu verzichten oder ihn noch weiter abnehmen zu lassen. Die heutigen Flächen haben eine direkte strategische Bedeutung im Krisenfall, aber auch eine indirekte im Rahmen der Fruchtfolge in der Schweiz. Das Preisniveau liegt aufgrund des Importdrucks bereits heute an der Grenze der Rentabilität. Wenn zusätzlicher Preisdruck infolge von Zollsenkungen entsteht, wird in der Schweiz kein oder mindestens deutlich weniger Brotgetreide produziert werden als heute. Es droht ein Strukturbruch.

Bei Mehl handelt es sich zum weitaus grössten Teil um ein Produkt mit Commodity-Charakter. Die Realisierung von Mehrwerten für Mehl aus Schweizer Getreide ist nur in Nischen, nicht aber für den Grossteil der heutigen Getreide- resp. Vermahlungsmenge machbar. Im Gegensatz zu den Zöllen auf dem Rohstoff Getreide werden Teiglinge beim Import kaum belastet. Der Import von Teiglingen, welche in der Schweiz fertiggebacken werden, hat in den letzten Jahren massiv zugenommen und drückt zusätzlich auf das Preisgefüge.

Folgen einer weiteren Grenzöffnung

Die in der Gesamtschau dargestellte Grenzöffnung und die Vision eines 30 bis 50-prozentigen Abbaus der Preisdifferenz zum Ausland ist ausschliesslich auf den Preis und den angeblichen Wohlfahrtsgewinn fokussiert. Der Gegenpol ist aber die Anbaubereitschaft der Getreideproduzenten, welche wegfallen oder massivst reduziert würde. Der Brotgetreidesektor ist wie bereits gesehen für die Ernährungssicherheit zentral. Er hat aber auch weitere Funktionen im Bereich der Nachhaltigkeit, der Ökosysteme und der Fruchtfolge. All dies droht bei einer unbedachten und generellen Zollsenkung verloren zu gehen.

Die Nahrungsmittelimporte sind seit 1990 um 80 Prozent gestiegen. Bei den Getreideprodukten haben sich die Importe sei 1990 verfünffacht. Angesichts dessen wirkt die Aussage im Bericht, zusätzliche Grenzöffnung werde die Branche konkurrenzfähiger machen, geradezu zynisch.

Position der Mühlenbranche in der Übersicht

Der Brotgetreideanbau ist ein zentraler Faktor der Ernährungssicherung. Die heutigen Flächen haben eine direkte strategische Bedeutung im Krisenfall, aber auch eine indirekte im Rahmen der Fruchtfolge in der Schweiz. Die Mühlenbranche lehnt die Gesamtschau als zu einseitig auf die weitere und undifferenzierte Öffnung des Schweizer Marktes ausgerichtet ab. Der aktuelle Grenzschutz reicht bereits heute nicht mehr aus, um den vom Bund festgelegten Referenzpreis beim Getreideimport zu erreichen.

Ein weiterer Zollabbau im Getreidesektor würde zusätzlichen Preisdruck auf das Inlandgetreide nach sich ziehen. Dies könnte in der aktuell schon angespannten Situation zu einem Strukturbruch führen und die Anbaubereitschaft im Brotgetreidesektor zusammenbrechen lassen. Im grösstenteils auf Commodities ausgerichteten Mehlsektor können diese Risiken nicht mit den vom Bundesrat im Rahmen des Perspektivendreiecks aufgezeigten Chancen aufgefangen werden.

Auf weitere Marktöffnungsschritte im Brotgetreidesektor ist daher zu verzichten. Im Gegenteil ist der Kontingentszoll wieder auf einer Höhe anzusetzen, welche die Erreichung des Referenzpreises und der damit verbundenen volkswirtschaftlichen Ziele zulässt.

Quelle: DSM-Geschäftsstelle



LEBENSMITTEL-INDUSTRIE 7/8 2018