Erster Welt-Diabetesbericht und seine Konsequenzen


Diabetes ist nicht mehr wie einst die Krankheit der Menschen mit viel Geld, sie ist zu einer Krankheit der Welt geworden. 2014 waren etwa 422 Millionen Menschen von der Stoffwechselstörung betroffen, schreibt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in ihrem ersten Welt-Diabetesbericht. Um Abhilfe zu schaffen, ist auch die Lebensmittelindustrie gefordert.

Dr. Dietmar Stutzer

Diese Situation ist natürlich nicht neu. Die liberalen Reformbemühungen in der Schweizer Agrarpolitik, die Mitte der 1990er-Jahre begannen und für runde 15 Jahre anhielten, sind versandet. Mit hocheffektiver Arbeit hat die Bauernlobby erreicht, dass dem Schutz bäuerlicher Kleinbetriebe (einschliesslich hoher Erzeugerpreise) wieder absolute Priorität eingeräumt wird, während die Interessen von Industrie und Konsumenten hinten anstehen müssen. Aufgemuckt wird kaum noch; man hat sich daran gewöhnt und resigniert. Es ist nun allerdings so, dass jenseits unserer Grenzen durchaus noch Reformen stattfinden. Und diese setzen die Schweizer Agrarpolitik zusehends unter Druck.

Fortschreitende Liberalisierung in der EU Das Zankthema des vergangenen Jahres war der Milchpreis. Die Abschaffung der Milchquoten in der EU hat eine Preisdynamik in Gang gesetzt, die die Milcherzeugung für viele kleine und mittlere Betriebe unter die Wirtschaftlichkeitsgrenze sinken liess. Überproduktion und Preiszerfall machten an der Grenze zur Schweiz nicht Halt: Trotz der hohen Stützungsbeiträge fiel auch bei uns der Milchpreis beträchtlich. Während innovationsbereite Erzeuger ihre Produktion auf profitablere Güter umstellen, setzt die Bauernlobby auf Beschwörungen von Heimatschutz und Preisgerechtigkeit und das BLW auf erhoffte «Alleinstellungsmerkmale», um den lange absehbaren Strukturanpassungen nicht (oder zumindest nicht öffentlich) ins Auge sehen zu müssen.

Damit hat sich die Zahl der Erkrankten seit 1980 fast vervierfacht, damals ging die WHO noch von 108 Millionen Betroffenen aus. Der Report ist gekoppelt an eine Studie im Fachmagazin «The Lancet», für die Forscher 751 Untersuchungen mit fast 4,4 Millionen Teilnehmern und Daten aus 146 Ländern ausgewertet haben. Während 1980 noch die grossen europäischen Länder Deutschland, Italien und Grossbritannien die Länder mit den meisten Erkrankten waren, standen 2014 Indonesien, Pakistan und Mexiko in der Liste der Spitzenreiter ganz weit oben. Deutschland fiel von Platz 6 auf Platz 14. Der Grund dafür ist aber nicht, dass sich die deutsche Situation so wesentlich verbessert hat. Die Entwicklung ist vielmehr Folge eines geradezu verheerenden Anstiegs der Erkrankungen in Schwellenländern. Bevölkerungswachstum und besonders die alternde Bevölkerung umfassen weltweit 40 Prozent der Gründe des Anstiegs der Erkrankungen. Veränderungen im Lebensstil, vor allem durch die steigende Verbreitung von Übergewicht, sind für etwa 28 Prozent des Zuwachses verantwortlich. Die restlichen 32 Prozent entstehen durch eine Kombination beider Faktoren. Beim Grossteil der Fälle handelt es sich um den am weitesten verbreiteten Typ-2-Diabetes (Altersdiabetes). Ihm lässt sich vorbeugen, in früherer engen, jetzt in weiteren Grenzen – im Gegensatz zum Typ-1-Diabetes, der seine Symptome oft schon im Kindesalter zeigt und genetisch bedingt ist.

Forderungen an Nahrungsmittelhersteller
Das Fazit der Epidemiologen zeigt, welch grosses Problem Diabetes auf der Welt inzwischen darstellt. Aber auch, dass es enormes Potenzial gibt, gegenzusteuern. Gelingt das nicht, sieht die Prognose düster aus. Geht es weiter wie seit Anfang der 2000er-Jahre, könnten 2025 weltweit 700 Millionen Menschen mit Diabetes leben. Pro Jahr entstehen durch Diabetes und seine Folgekrankheiten Kosten von rund 35 Milliarden Euro für Behandlung, Pflege, Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung. Drei Viertel aller Menschen mit Diabetes sterben letztlich an Herzinfarkt oder Schlaganfall. Im Bericht werden vier Forderungen als Folgerungen abgeleitet: 1. Nahrungsmittelkennzeichnung mit Ampelsystem: Europa habe eine sehr aufwändige Nahrungsmittelkennzeichnung, die kaum wirklich jemand im Detail verstehe, heisst es in dem Beitrag. Es sei Expertenwissen notwendig, um gesunde von ungesunden Produkten zu unterscheiden. Eine einfache Nahrungsmittelkennzeichnung nach dem Ampelsystem (grün: für den täglichen Verzehr geeignet; gelb: weniger häufig, einmal wöchentlich; rot: seltener Verzehr, einmal im Monat) könnte für den Verbraucher ganz einfache Leitstrategien ergeben. Damit würde der Verbrauch ungesunder Lebensmittel zurückgehen und der Verbrauch «gesunder» Produkte zunehmen. So einfach wäre das. 2. Währung für Gesundheit erhöht Liquidität im Gesundheitsbereich: Gemeint ist damit ein Bonussystem. Für den Kauf oder Konsum gesunder Produkte erhielte man sogenannte Gesundheitsmarken. Diese könnten variabel eingesetzt werden, um einzukaufen, aber nur für gesunde Produkte. Die Forderung sei zwar alt, sie erhalte heute aber mit dem Entstehen vieler elektronischer Bonussysteme neue Relevanz, so die Autoren. Und: «Würde man den Markt gesunder Produkte (Dienstleistungen, persönliche Aktivitäten, Sport, gesunde Ernährung ...) mit Gesundheitsmarken versorgen, würde die Kaufkraft, die dadurch entsteht, die Liquidität im Gesundheitssektor um bis zu 30 Prozent erhöhen. Das wäre eine attraktive Wirtschaftsförderungsmassnahme für den Ernährungsgesundheitssektor mit Fokus auf gesunde Produkte.» Die beiden anderen Forderungen sind 3. eine Steuerbefreiung für Geschäftsmodelle für Prävention und 4. die Haftung der Nahrungsmittelindustrie für unerwünschte gesundheitliche Nebenwirkungen ihrer Produkte. Die Verfechter von Illusionen haben also offenbar auch alle Fährnisse selbst durch die Volkskrankheit Diabetes unbeschadet überstanden. Jedenfalls ist es erstaunlich, dass man illusionäre und realitätswidrige Forderungen wie diese selbst noch mit einem derart gewichtigen Thema wie der Ausbreitung von Diabetes verbindet.

Hülsenfrüchte, Nüsse und Nudeln
Menschen mit Diabetes brauchen keine anderen Ernährungs- und Lebensstilempfehlungen als die Öffentlichkeit insgesamt. Das sagt eine grosse Langzeit-Beobachtungsstudie des Deutschen Institutes für Ernährungsforschung und seiner Abteilung Epidemiologie in Potsdam-Rehbrücke. In der Studie wurde untersucht, ob sich die Zusammenhänge zwischen Lebensstilfaktoren und Sterblichkeitsrisiko zwischen Menschen mit und ohne Typ-2-Diabetes unterscheiden. Die Basis für die Analyse bildeten die Daten der «European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition» (EPIC), eine der grössten europäischen Ernährungsstudien, die seit 1992 die Zusammenhänge zwischen Lebensstil und dem Entstehen chronischer Krankheiten untersucht. Die Wissenschaftler haben die Daten von 6384 Studienteilnehmern mit Diabetes und 258 911 Personen ohne Diabetes ausgewertet.

Dabei wurde sowohl bei den Menschen mit Diabetes als auch bei den nicht an Diabetes erkrankten Personen berechnet, welche Zusammenhänge zwischen dem Sterblichkeitsrisiko und dem Body-Mass-Index beziehungsweise dem Taillen-Körperlängen-Quotienten, dem Alkoholkonsum, der körperlichen Aktivität und dem Raucherstatus bestehen. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass Menschen mit Diabetes im Vergleich zu Personen ohne Diabetes generell ein um 62 Prozent höheres Sterblichkeitsrisiko hatten. Wie sie auch zeigen konnten, beeinflussten in beiden Gruppen jedoch nahezu die gleichen Faktoren das Sterblichkeitsrisiko. So waren Rauchen, eine geringe körperliche Aktivität, ein hoher Alkoholkonsum, ein hohes Gewicht, eine obst- und gemüsearme sowie fett- und fleischreiche Ernährung mit einem erhöhten Sterblichkeitsrisiko verbunden. Die beiden Personengruppen unterschieden sich zwar bei den einzelnen Risikofaktoren hinsichtlich der Stärke der beobachteten Beziehungen, jedoch nicht bei der Richtung der Risikobeziehung. Bei den an Diabetes erkrankten Menschen fiel auf, dass sich der Verzehr von Obst, Hülsenfrüchten, Nüssen, Nudeln, Geflügel und Pflanzenöl besonders positiv auf ihr Sterberisiko auswirkte. «Die Studie ist ein Anhaltspunkt dafür, dass die Empfehlungen für eine gesunde Lebensweise für Menschen mit und ohne Diabetes die gleichen sein sollten», bilanzieren die Autoren. Sie weist aber auch darauf hin, dass Personen mit Diabetes sich stärker mit ihrer Ernährung auseinandersetzen sollten, da ihr Sterberisiko zum einen grösser ist als jenes der nicht erkrankten Menschen und zum anderen sich der Verzehr einiger Lebensmittelgruppen bei ihnen besonders günstig auswirkt. Aus dieser Studie ergibt sich ein weiterer Hinweis darauf, dass eine gesunde Lebens- und Ernährungsweise vielfältige positive Wirkungen besitzt und dass diese Einsicht auch dann gilt, wenn bereits eine chronische Stoffwechselerkrankung manifest ist.



Lebensmittel-Industrie Ausgabe Februar 1/2 2018