Nachhaltigkeit im eigenen Unternehmen und in der Lieferkette verankern

Nachhaltigkeit ist heutzutage in aller Munde. Doch was bedeutet Nachhaltigkeit konkret für Unternehmen in der Lebensmittelindustrie? Wo und wie kann man als Produzent, Zwischenhändler, Lieferant oder Detailhändler ansetzen, um Risiken zu minimieren und Optimierungspotenziale proaktiv zu erkennen und zu erschliessen? Und nicht zuletzt: Wie kann man Nachhaltigkeit glaubwürdig kommunizieren?

▶ OLIVIA KELLER

Wie viele andere Unternehmen hat sich auch die Tobi Seeobst AG, einer der führenden Player im schweizerischen Obstmarkt, diese Fragen gestellt. Viele Nachhaltigkeitsthemen wie z. B. faire Arbeitsbedingungen oder ein professionelles Umweltmanagement stehen bei Tobi schon lange auf der Agenda. Die bisherigen Aktivitäten sollten jedoch nun in einer Gesamtstrategie zusammengebracht werden. Dabei wurden viele Möglichkeiten diskutiert, von Lebenszyklusanalysen wie z. B. CO2-Bilanzierungen oder Berechnung von Wasserfussabdrücken für einzelne Produkte, über die Nutzung bestehender oder die Entwicklung eigener Nachhaltigkeitszertifizierungen bis zur Erstellung eines umfassenden Nachhaltigkeitsberichts. Einig war man sich bei der Tobi Seeobst AG jedoch sehr schnell, dass es keinesfalls nur eine reine Marketingkampagne sein sollte. Zwar sollten auch mögliche Themen für die Kommunikation der eigenen Nachhaltigkeit und Markenpositionierung identifiziert werden, man wollte jedoch möglichst alle relevanten Themenbereiche über die gesamte Wertschöpfungskette beleuchten, um Verbesserungspotenziale aufzudecken, diese umzusetzen und damit potenzielle Risiken in Zukunft minimieren zu können.

Auf Basis dieser Vorgaben entschied man sich, mithilfe der Sustainable Food Systems GmbH eine fundierte Status-Quo Analyse der eigenen Nachhaltigkeitsleistungen mit SMART (Sustainability Monitoring and Assessment Routine) vorzunehmen. Bei SMART handelt es sich um eine in der Schweiz entwickelte Methodik zur Nachhaltigkeitsbewertung. Sie basiert auf international anerkannten Richtlinien der Welternährungsorganisation UNFAO und ermöglicht wissenschaftlich abgesicherte und vergleichbare Bewertungen im Agrar- und Lebensmittelsektor.

Lieferanten- und Kundenbefragungen zur Evaluierung des Informationsbedarfs dieser Anspruchsgruppen, sowie die Evaluierung der Aussenwahrnehmung der Tobi Seeobst AG sollten diese Analysen komplettieren.

Vielseitiger Nutzen einer ganzheitlichen Nachhaltigkeitsbewertung
Die ganzheitliche Bewertung von 12 ausgewählten landwirtschaftlichen Zulieferbetrieben hat Tobi detaillierte und gezielte Einblicke in die landwirtschaftliche Produktion ermöglicht. So wurde beispielsweise offensichtlich, wie komplex das Thema Nachhaltigkeit auf Produzentenebene ist und wie sehr ökologische, soziale und ökonomische Faktoren miteinander verflochten sind. Nicht nur für die Kommunikation von Nachhaltigkeit, sondern auch für die Umsetzung von Verbesserungsmassnahmen ist dies eine wichtige Erkenntnis. Erfreulich für Tobi waren die Ergebnisse in der ökonomischen und sozialen Dimension, wo die Kernobstbetriebe schon sehr stark aufgestellt sind. Verbesserungspotenzial wurde unter anderem in den Bereichen Biodiversität und ganzheitliches Management der Betriebe identifiziert. Unter Berücksichtigung der Wechselwirkungen mit anderen Themen konnten zum Teil bereits entsprechende Verbesserungsmassnahmen erarbeitet werden. Oftmals hatten einzelne Betriebe in der Vergangenheit bereits innovative Lösungen entwickeln können. Diese sogenannten «Best-Practices» wurden durch die Analysen sichtbar gemacht und werden nun im Dialog mit den anderen Betrieben in der Breite umgesetzt.

Kombiniert mit der Nachhaltigkeitsanalyse auf Unternehmensebene und den Lieferanten- und Kundenumfragen konnte Tobi anschliessend bestimmen, wo sich das Unternehmen mit seiner Lieferkette in punkto Nachhaltigkeit heute befindet und was wichtige Anspruchsgruppen vom Unternehmen erwarten. «Die Ergebnisse der SMART-Analyse dienen im nun kommenden Prozess der Strategieentwicklung als idealer Kompass», meint Martin Ammann, Leitung Einkauf und Mitglied der Geschäftsleitung: «Dieser partizipative Aspekt der ganzheitlichen Betrachtungsweise von Nachhaltigkeit war uns sehr wichtig. Denn nur wenn wir wissen, wo einerseits unsere Zulieferer und wir selbst stehen und was andererseits unsere Kunden von uns erwarten, können wir Nachhaltigkeit erfolgreich und zielführend in unserem Unternehmen verankern und auch glaubwürdig kommunizieren».

Schliesslich haben auch die analysierten Obstbaubetriebe von der Nachhaltigkeitsbewertung profitieren können. Einer der Kernobstproduzenten und Tobi-Lieferant meinte dazu: «Man sieht den Betrieb von einer anderen Seite. Durch das Gespräch können wir die Probleme erkennen und überlegen, wie man den Betrieb optimal verbessern kann.» Auch der Austausch in einem gemeinsamen Ergebnisworkshop mit Tobi wurde von den an der Analyse teilnehmenden Landwirten sehr geschätzt.

Lessons Learned
Die Tobi Seeobst AG fühlt sich gut gerüstet, kontinuierlich in Richtung umfassender Nachhaltigkeit innerhalb der ganzen Lieferkette zu gehen. Gemeinsam mit seinen Obstproduzenten plant Tobi die identifizierten Hotspots zu bearbeiten, und auch auf Unternehmensebene wird die Umsetzung konkreter Massnahmen angegangen. «Die Nachhaltigkeitsbewertung und -beratung hat uns nicht nur wertvolle Informationen geliefert, sie hat auch unsere Beziehung zu unseren Lieferanten gestärkt. Die bereits guten Ergebnisse und das Interesse der Obstbauern stimmen uns zuversichtlich, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Wir sind hochmotiviert, die identifizierten Optimierungspotenziale auszuschöpfen und den Dialog mit unseren Anspruchsgruppen konstant aufrechtzuerhalten, um so gemeinsam mit unseren Mitarbeitenden, Produzenten und Kunden für mehr Nachhaltigkeit in der Obstproduktion zu sorgen», so Martin Ammann.

Olivia Keller
ist Projektmanagerin bei der sfs Sustainable Food Systems GmbH in Frick, Schweiz. olivia.keller(at)sustainable-food.com



LEBENSMITTEL-INDUSTRIE 11/12 2018