Die Milch reicht vorn und hinten nicht


Die Angebotslücken im Russischen Lebensmittelmarkt nehmen laufend zu. Am meisten betroffen ist die Milchwirtschaft, weil die eigene Herstellung nicht in Gang kommt.

Dr. Dietmar Stutzer


Russland produziert im Verhältnis zur Nachfrage zu wenig Milch.

Bestand an Milchkühen nimmt ab
Die Milcherträge pro Kuh liegen mit insgesamt 4150 Kilogramm noch weit unterhalb des EU-Niveaus. Mit einer Produktion von 32 Millionen Tonnen Rohmilch ist Russland zwar ein grosses Milchland, aber der Bedarf der Verbrauchermärkte erreicht etwa 41 Millionen Tonnen. Der Bestand an Milchkühen nimmt ab, eine gesicherte Zahl der Milchkühe ist nicht zu finden, aber sie dürfte bei etwa 7,5 Millionen Tieren liegen, errechnet aus der Gesamtmilchmenge, geteilt durch die Jahresmilchleistung pro Kuh. Der Gesamtmilchausstoss sank seit 2013 um 4,1 Prozent. Nur bei verarbeiteter Trinkmilch produzierte das Land 2010 fast 11 Prozent mehr als 2009. Der Staat will die Milchproduktion in Zukunft nicht mehr nach Herdengrösse subventionieren. Stattdessen bezahlt er den Erzeugern eine Prämie in Abhängigkeit von der gewonnenen Menge, also pro Liter.

Die Regierung bezuschusst die Ausgaben für den Unterhalt bestehender Rinderherden und den Erwerb neuer Zuchttiere. Um die genannten Massnahmen finanzieren zu können, erhöhte der Staat das diesjährige Budget für die Förderung der Milchviehwirtschaft um 36 Prozent auf 27,9 Milliarden (1 Euro = 61,67 Rubel). Ein Grossteil davon, 18,5 Milliarden Rubel, fliesst in die Subvention von Zinskosten. Das soll die Investitionstätigkeit anregen. Der Einzelhandel mit Nahrungsmitteln, Getränken und Waren des täglichen Bedarfs hat in Russland eine dauerhaft gute Konjunktur, die allerdings durch das Embargo vom 6. August 2014 nachhaltig gestört wurde und weiter wird. Allein im 1. Quartal 2013, also noch vor dem Embargo, erweiterten 130 Handelsketten ihre Verkaufsflächen um insgesamt 270 000 Quadratmeter. Einen höheren Quartalszuwachs hatte es in Russland zuvor noch nicht gegeben. Aktuell werden mittelgrosse Städte erschlossen. Der Ferne Osten bleibt dagegen unbearbeitet. Der Einzelhandel erzielte 2012 im Fernen Osten der Russischen Föderation einen Umsatz von 215 Milliarden Rubel (5,38 Mrd. Euro nach damaligen Wechselkurs). Davon entfielen auf Nahrungsmittel 100 Milliarden Rubel (2,5 Mrd. Euro). Aber nur zwei Handelsketten haben sich im Fernen Osten auch niedergelassen. Beide Unternehmen setzen zusammen 4,5 Milliarden Rubel um, das heisst lediglich 4,5 Prozent des gesamten Nahrungsmittelhandels. Das Gros der Lebensmittel wird in kleinen und sehr kleinen Einzelhandelsgeschäften verkauft. Dort überleben bis jetzt noch der kleine familiengeführte Einzelhandel, dessen Hauptproblem die Warenbelieferung ist. Von Importprodukten, am meisten bei Milcherzeugnissen, werden sie höchstens vereinzelt und zufällig oder jetzt gar nicht mehr erreicht.

Teure Frischprodukte
Milchprodukte, vor allem frische, sind in Russland teuer. Aber: Wenn die Produkte teuer sind und hohe Qualität versprechen, ist dies ein Kaufanreiz, der allerdings bei einem rapide wachsenden Teil der Konsumenten nicht mehr wirkt, weil sie sogar für russische statistische Begriffe arm sind. Auch Einkäufe seit jeher preiswerter Lebensmittel wie Gemüse, Obst und einfache Milchprodukte, sind für die Bezieher kleiner und mittlerer Einkommen immer schwerer zu finanzieren. Mängel in der Proteinversorgung besonders von Kindern und älteren Verbrauchern sind die bereits spürbare Folge. In Russland gibt es etwa 150 spezialisierte Käsereien. Diese produzierten 2013 insgesamt 0,43 Millionen Tonnen Käse und Käseprodukte sowie 0,07 Millionen Tonnen Trockenmolke. Die Kapazitätsauslastung betrug bei Käse 62 Prozent und bei Trockenmolke 60 Prozent. Am Ende wurden 48 Prozent des Bedarfs an Käse und 41 Prozent an Molke über Importe befriedigt. Der Ausstoss von Butter erreichte 0,22 Millionen Tonnen und von Trockenmilch 0,12 Millionen. Hier fiel die Kapazitätsauslastung bei Butter mit 29 Prozent und bei Milchpulver mit 37 Prozent besonders niedrig aus. Dementsprechend hoch lag der Importanteil auf dem Verbrauchermarkt mit 40 Prozent bei Butter und 61 Prozent bei Milchpulver.

Der Käsemarkt in Russland ist geteilt. Bei den billigen Massensorten von der «Cottageart», also als billige und schmackhafte Proteinlieferanten, besteht fast Selbstversorgung. Bei allem, was anspruchsvoller oder gar Premium ist, herrscht gähnende Leere. Die russische Molkerei- und Käsewirtschaft hat zudem sehr mit den überhandnehmenden Produktfälschungen zu kämpfen. Nach Angaben des Milchindustrieverbandes haben sie das untragbare Ausmass von etwa 10 bis 30 Prozent des Angebotes an Milchprodukten russischer Herkunft erreicht. Seit dem Embargo fällt die Abnahme der Angebotsauswahl beim Käse auf. Die von den russischen Konsumenten bevorzugten Sorten Maasdamer und Gouda sind aus dem Sortiment verschwunden, ukrainischer Käse wurde durch weissrussischen ersetzt. Die Ukraine hat, ähnlich wie Weissruland, allerdings kaum Schnittkäse, sondern vor allem «Dorfkäse» geliefert, wie die Bezeichnung für körnigen Frischkäse im weissen Sortiment in den slawischen Sprachen überall lautet.

Keine sichere Perspektiven
Der Verband der Milchwirtschaft «Sojuz Moloko» sieht den grössten Investitionsbedarf bei den Käsereien und bei der Erzeugung von Butter und Milchpulver. Er schätzt ihn auf 10 bis 15 Milliarden Rubel pro Jahr (207 Mio. bis 310 Mio. Euro, 1 Euro = 61,67 Rubel). Und dies auch nur, um das gegenwärtige Produktionsniveau bis 2020 wenigstens halten zu können. Will Russland bis 2020 die Selbstversorgung bei Milchprodukten spürbar steigern, müssten neben Ersatzbeschaffungen auch neue Milchverarbeitungskapazitäten gebaut werden. Dann seien jährlich sogar 60 bis 65 Milliarden Rubel (1,24 Mrd. bis 1,35 Mrd. Euro) notwendig. Zusätzlichen Investitionsbedarf verursacht eine Verordnung des Landwirtschaftsministeriums, wonach seit dem 1. Januar 2015 strengere Anforderungen an Sauberkeit und Hygiene in den Milchverarbeitungsbetrieben gelten. Die Milchhöfe sind aber gleichzeitig angehalten, ihren Ausstoss in kürzester Zeit zu erhöhen. Kredite von russischen Banken sind jedoch nicht nur teuer, sondern auch knapp.

Sojuz Moloko betont, dass bis 2020 mit einem weiteren Anstieg des Milchverbrauchs um jährlich 2 Prozent zu rechnen sei. Dies bedeutet, dass die Erzeugung von Trinkmilch in den kommenden sechs Jahren um 23,5 Prozent und die von Rohmilch sogar um 33,5 Prozent gesteigert werden muss, wenn die Importabhängigkeit auf 10 Prozent gedrückt werden soll.

Was die Milchwirtschaft in Russland in den nächsten Jahren erwartet, sind Rohstoffmangel, Preisanstieg und sinkende Nachfrage durch fehlende Kaufkraft. Die Preise für die Rohmilch sind im Vergleich zu den Produktionskosten so niedrig, dass Expansionen nicht mehr finanzierbar sind. Gegenwärtig wird ein Milchankaufspreis von 23 bis 24 Rubel pro Liter (31 Cent/Liter) bezahlt, ein Preis von 28 bis 30 Rubel pro Liter (37 bis 40 Cent/Liter) wäre angemessen. Kurz- und mittelfristig gibt es somit keine sichere Perspektive für die russische Milchwirtschaft.



Lebensmittel-Industrie Ausgabe 9/10 Oktober 2017