Frostschäden und ihre Auswirkungen


Die Frostschäden seit 2010 sind gross. Die Schweiz und das umliegende Ausland waren und sind stark betroffen. Was sind die Gründe dafür, wie gross sind die Ernteausfälle und was sind die Konsequenzen? Eine Bilanz.


Dr. Dietmar Stutzer

Meteorologische Erklärungen als Ursache für Frühlingsfröste zu definieren, sind selbst für Profis keine leichte Aufgabe. Vermutlich dürfte es Kaltluftvorräte im arktischen Klimaraum gegeben haben – und wird es wohl auch weiterhin geben. Das aber widerspricht den Erklärungsmodellen zum Klimawandel durch die Erderwärmung. Danach lösen sich die vor allem winterlichen Kaltluftvorräte im arktischen Raum zunehmend auf, die Winter werden wärmer und kürzer, der Vegetationsbeginn setzt früher ein: im Zentral- und Westalpenraum 2017 um volle 13 Tage. Und dann kommt es in kurzen Zeitabständen in der zweiten Aprilhälfte zu grossen Spätfrostkalamitäten durch die Einbrüche von arktischer Kaltluft, die doch eigentlich gar nicht mehr da war. Wie es aussieht, müssen die Klimaforscher ihre Erklärungsmodelle wohl noch ein paarmal überdenken.

Mittel- und Südeuropa betroffen
Die seit Jahrzehnten verheerendste Kältewelle zu dieser Jahreszeit richtete 2017 in den Obstanlagen und Rebbergen Westund Mitteleuropas sowie im Mittelmeerraum von Spanien und Frankreich über Italien bis zum Balkan enormen Schaden an. Die Kältewelle hat die Produktion besonders zahlreicher Obstanlagen in vielen europäischen Ländern zum Teil stark geschädigt. lm Norden der Niederlande, vor allem in der Provinz Flevoland, hat der Frost ein Drittel der Birnenknospen erfrieren lassen. Auch hat es Schäden bei Äpfeln und Rosenkohl gegeben, in Belgien vor allem in den Apfelkulturen der Provinz Belgisch-Limburg. ln ltalien wurden 80 000 Hektar Anbauflächen für Gemüse sowie Schäden bei Obst- und Olivenbäumen von 10 Prozent der Bestände zerstört. Ähnlich wie in ltalien hat auch der spanische Obstund Gemüseanbau massive Schäden erlebt. Frost und eisige Winde haben in fast allen Anbauregionen grosse Schäden verursacht. Besonders betroffen waren in Andalusien alle Freiland-Gemüsekulturen mit Ernteverlusten von bis zu 90 Prozent. Auch bei den Citrusplantagen gab es Frostschäden an Bäumen und Früchten. Bei Steinobst sind 50 Prozent der Endblüte betroffen. Hinzukommt eine bedeutende Verzögerung in der weiteren vegetativen Entwicklung.

Bei den Steinobstkulturen des Schweizer Mittellandes, der Nordwestschweiz und der Zentralschweiz schätzen die Experten des Obstverbandes den zu erwartenden Ernteausfall auf 90 Prozent. Auch bei den Äpfeln (80%), Birnen (90%), Erdbeeren (30%) und Strauchbeeren (20%) sind diese Regionen am stärksten betroffen.

Die Klimaforscher müssen ihre meteorologischen Erklärungsmodelle wohl überdenken.

Grosse Schäden in der Schweiz
Im schweizerischen Landesdurchschnitt gingen nach diesen Schätzungen 78 Prozent der Kirschen, 67 Prozent der Zwetschgen und 51 Prozent der Aprikosen sowie 27 Prozent der Äpfel verloren: «Es gibt grosse Schäden im Schweizer Obstbau, das ist klar, aber wie gross sie tatsächlich sind, wird man erst nach der Ernte endgültig feststellen können.» Diese Aussage des Schweizerischen Obstbauverbandes vom Mai 2017 hat europaweite Gültigkeit.

Kaum anders ist die Lage in den Weinbaugebieten. Die provisorischen Erhebungen des Schweizerischen Weinbauverbandes ergeben 40 Prozent Verluste im Wallis. Im Kanton Genf sind es bis 50 Prozent Die Waadtländer Rebgebiete Bonvillars, La Côte und Lavaux waren wenig betroffen, und auch an Bieler- und Neuenburgersee blieben die Schäden relativ gering, mit Ausnahme des Mont Vully, wo 100 von 140 Hektaren zu 40 bis 100 Prozent geschädigt wurden. Im Tessin sind 100 der insgesamt 1095 Hektaren Reben zwischen 20 und 90 Prozent betroffen.

Sehr gross wird der Ernteausfall in der Deutschschweiz sein. Im Kanton Zürich sind auf 484 Hektar der Gesamtanbaufläche von 605 Hektar bis zu 80 Prozent der Trauben vernichtet. Im Thurgau sind 205 von 257 Hektar bis zu 80 Prozent betroffen. Im Kanton Schaffhausen verzeichnen 90 Prozent der 483 Hektar Weinberge Ausfälle. In Graubünden wird auf zwei Dritteln der dortigen 422 Hektar Anbaufläche mit Ausfällen von bis zu 65 Prozent gerechnet. Die 175 Hektar grossen Rebflächen in der Nordwestschweiz sind ganz erfroren. Der Schaden dürfte sich auf einen hohen zweistelligen oder sogar auf einen dreistelligen Millionenbetrag belaufen. Bei den Gemüsebauern erlitten besonders die Produzenten von grünem Spargel grosse Verluste. Die in der Erde geschützten Bleichspargeln dagegen waren kaum von der Eiseskälte betroffen. Das Schadensausmass lasse sich aber auch beim Gemüse noch lange nicht beziffern. Bei den Salaten sei eine komplette Marktversorgung gewährleistet, der Frostschäden vermutlich eher gering.

Weniger Schäden bei Gemüseproduzenten
Die Gemüseproduzenten sind bei weitem nicht so stark vom Frost heimgesucht worden wie die Obstbauern und Winzer. Ausserdem haben sie mehrere Ernten im Jahr. Eindeutig ist, dass das eigentlich klimatisch bevorzugte Mittelland und die Ostschweiz am stärksten unter der Kälte gelitten haben. Der Frühlingsfrost hat besonders im Wallis den Wein- und Aprikosenkulturen schwer zugesetzt. Das Weinbauamt geht davon aus, dass mehr als 40 Prozent der Rebgärten stark geschädigt wurde. Auch zwei Drittel der Aprikosen-Anbauflächen erlitten starke Schäden. Einige Wein- und Obstbauern hätten durch den Frost praktisch die gesamte Jahresernte verloren, sagt der Chef der Walliser Dienststelle für Landwirtschaft. «Für die Betroffenen bedeutet dies den Ausfall des Jahreseinkommens, das ist dramatisch.» Mehrere Tausend Bauernbetriebe und Kellereien seien davon betroffen.

Das kantonale Weinbauamt präsentierte eine erste Bilanz über die Frostschäden in den Walliser Weinbergen. In der ersten frostigen Nacht vom 18. auf den 19. April 2017 suchte der Frost vor allem die Reben im Tal und an den unteren Hängen zwischen Sitten und Martigny heim. Dabei wurden rund 550 Hektar in Mitleidenschaft gezogen. Insgesamt hat der Frosteinbruch beim Wein- und Obstbau zu katastrophalen Schäden geführt. Viele landwirtschaftliche Betriebe sind in der Folge in ihrer Existenz bedroht. Ähnlich massive Schäden hat es zuletzt im Jahr 1981 gegeben.

Im Nachbarland Baden-Württemberg mit vielen klimatischen Ähnlichkeiten mit der Schweiz sind etwa 7000 Hektar Reben sehr stark geschädigt. Hinzu kommen 6000 Hektar Obstbauflächen und Ackerkulturen mit starken Schäden. Rund 7000 Hektar der insgesamt 28 000 Hektar Weinbauflächen weisen starke Frostschäden bis hin zu Totalschäden auf.



Lebensmittel-Industrie Ausgabe 7/8 August 2017