«Herstellungsprozesse und Vertrieb ändern sich radikal»


Die Lebensmittel werden künftig nicht nur gesünder, sondern auch vielfältiger – und günstiger. Davon ist der Zürcher Futurist Gerd Leonhard überzeugt. Im Interview schildert er die Lebensmittelindustrie der Zukunft. Klar ist: Es finden umwälzende Veränderungen statt!

Interview: Christoph Hämmig

Sie sind Futurist und CEO der «Futures Agency». Wie angenehm ist es, wenn man sich mit der Zukunft befasst?
Gerd Leonhard: Bei meiner Arbeit geht es mir um die unmittelbare Zukunft der nächsten fünf Jahre. Ich bin also kein Science Fiction-Experte, der die Zukunft in 20 Jahren beschreibt. Ich befasse mich mit Themen, die heute aktuell sind, und denke sie für die nächsten Jahre weiter. Grundsätzlich bin ich ein Optimist und glaube, dass sich die Dinge gut entwickeln. Die Technik wird in unserem Leben eine enorme Rolle spielen. Die Kraft der Technologie verdoppelt sich alle 18 Monate, das ist rasend schnell. Die Kunst liegt darin, die Balance zwischen Technik und Mensch zu finden. Das ist wichtig und entspricht einer grossen Herausforderung, ist aber auch spannend. Darum empfinde ich meinen Job als ausserordentlich interessant. Bei unserer Futures Agency sind 35 freie Mitarbeitende beschäftigt, die weltweit in diversen Bereichen tätig sind.

Eines Ihrer Themengebiete ist die digitale Transformation unserer Gesellschaft. Was bedeutet dies für die Schweizer Lebensmittelindustrie?
Gerd Leonhard: Bereits heute stellen wir einen klaren Trend nach gesunden Produkten fest. Diese Entwicklung wirkt sich dramatisch verstärken. Lebensmittel mit E-Stoffen werden ganz «out» sein. Der Konsument wird hauptsächlich frische Produkte, Lebensmittel in Bio- oder Demeter-Qualität und organische Angebote bevorzugen. Den Kunden wird zunehmend bewusst, dass man wird, was man isst. Und: 3D-Druck wird zum ganz grossen Thema.

Was kommt da auf uns zu?
Gerd Leonhard: Schon heute besteht die Möglichkeit, einfache Lebensmittel mittels 3D-Drucker zuzubereiten. Beispielsweise Pizzas.

Wird das tatsächlich nachgefragt?
Gerd Leonhard: Ja, das ist so. In den USA gibt es schon ein italienisches Restaurant, das seine Pizzen im 3D-Drucker herstellt. Das funktioniert ganz einfach: Alle notwendigen Stoffe werden eingefüllt, die Maschine erfüllt den Rest. Natürlich können dabei konkrete Kundenwünsche berücksichtigt werden: beispielsweise die Zugabe einer biologischen Tomatensauce.

Das klingt eher nach einem Gag.
Gerd Leonhard: Ja, das mag es gegenwärtig noch sein. Aber das wird sich sehr schnell ändern. In weniger als fünf Jahren werden Lebensmitteldrucker zum grossen Thema werden. Je weniger Zusatzstoffe ein Produkt enthält, desto einfacher kann es gedruckt werden. Wir werden uns schon bald daran gewöhnen, dass Produkte wie Glacés, Schokoladen oder Brötchen gedruckt werden. Ein Beispiel: Hersteller wie Unilever, und Procter & Gamble werden ihre Ice Creams nicht mehr primär in der Fabrik herstellen und vertreiben.

Sondern?
Gerd Leonhard: Ich kann mir beispielsweise vorstellen, dass Sie am Strand oder in der Badi einen Container vor Ort aufstellen und dort Eis drucken.

Und die Konsumenten werden künftig zuhause einen 3D-Drucker machen und sich die Lebensmittel selbst herstellen?
Gerd Leonhard: Das glaube ich nicht. Das Problem ist: Wer Lebensmittel druckt, braucht natürlich frische, organische Stoffe. Der zeitliche Aufwand der Beschaffung ist vergleichbar mit dem traditionellen Einkauf von fertigen Lebensmitteln – und das ist nicht effizient. Kommt hinzu, dass 3D-Ducker gewartet werden müssen. Das kostet wiederum Zeit und natürlich auch Geld. Es wird deshalb eher so sein, dass der Konsument beispielsweise zum Bio-Laden geht und sich dort ein Bio-Brötchen drucken lässt. Oder ein ganz anderes Beispiel: DHL und FedEx werden künftig Maschinenteile nicht mehr physisch beziehen und ausliefern, sondern die Stoffe via Internet beziehen und mittels Lizenz drucken. Vom Prinzip funktioniert das wie ein Brief, den wir nicht mehr mit der Post erhalten, sondern via Mail.

Braucht es künftig noch Grossverteiler wie Migros, Coop und Co.?
Gerd Leonhard: In diesem Bereich wird ein grosser Wandel stattfinden. Verkaufsgeschäfte werden nicht gänzlich überflüssig. Vorhin habe ich das Beispiel Bio-Laden erwähnt. Verändern wird sich die herkömmliche Weise der Lebensmittelherstellung und des Vertriebs. Migros und Coop werden tendenziell die Funktion von Service- und Beratungsstellen annehmen. Die Konsumenten werden zwar noch herkömmliche Produkte einkaufen können, mehr und mehr aber Produkte frisch ab dem 3D-Drucker. Zusätzlich wird das Online-Shopping von Lebensmitteln sehr stark zunehmen. Das mag für viele dramatisch klingen, wird es aber nicht sein. Diese Entwicklung findet fliessend statt – so wie wir das in den letzten Jahren auch im elektronischen Bereich erlebt haben.

Wie zeigt sich die künftige Massenherstellung von Lebens mitteln?
Gerd Leonhard: Diesbezüglich wird die Industrie 4.0 eine zentrale Rolle spielen. Traditionelle Prozesse werden komplett auf den Kopf gestellt, die Automation wird dominieren. Von der Schokoladen- bis hin zur Käseherstellung kann die Produktion grundsätzlich durch Maschinen ausgeführt werden. Ausnahmen wird es immer geben: Lebensmittel-, die von Hand hergestellt werden, sind wertiger, werden aber auch viel teurer verkauft werden. Die Preise für maschinell hergestellte Produkte werden künftig sehr viel günstiger werden. Dazu ein Vergleich zur Gastronomie: Heute gibt es die ersten Restaurants ohne Bedienung. Bestellt wird mittels Tablet, das Essen wird auf dem Förderband geliefert – beispielsweise in einem Sushi-Restaurant – oder direkt vom Küchenpersonal. Das senkt die Kosten. Bei grossen Ketten wie McDonald’s zeichnet sich ebenfalls ein drastischer Personalabbau ab. Gegenwärtig laufen Pilotbetriebe, die mit einer einzigen Person auskommen. Natürlich wird es auch künftig bediente Restaurants geben, sie werden aber entsprechend teurer sein.

Wird die Massenherstellung im Rahmen von Industrie 4.0 im Lebensmittelsegment zu einem globalen Einheitsbrei führen?
Gerd Leonhard: Diese Gefahr besteht durchaus, weil die Bestandteile der Produkte häufig identisch sind. Die Anbieter werden sich jedoch durch das «Drumherum» unterscheiden: Die Differenzierung findet durch die Marke, das Label, das Vertrauen, das Erlebnis etc . statt. Was man jedoch nicht vergessen darf: Die Globalisierung und der Massenmarkt führt unweigerlich zu Nischenmärken, die förmlich explodieren werden. Das wird auf unterschiedlichsten Ebenen stattfinden: beim Essen, bei den Kleidern, bei Musik usw.

Welche Trends sehen Sie im Getränkemarkt?
Gerd Leonhard: Die Dominanz von Softdrinks wird abflauen, weil diese Getränke als ungesund erachtet werden. Dafür wird der Konsum von Wasser steigen und die Beliebtheit von organischen Säften und hausgemachten Limonaden wird steigen. Im Alkoholsegment sehe ich hingegen keine grossen Veränderungen.

Freuen Sie sich auf die kulinarische Zukunft?
Gerd Leonhard: Ja, definitiv. Die Lebensmittel werden gesünder – was unsere Lebenserwartung verlängert –, das Angebot wird grösser und die Produkte individueller. Die Schattenseite sehe ich beim Personal. Im Arbeitsprozess wird alles, was Routine ist, automatisiert. Eigentlich ist diese Entwicklung weder gut noch schlecht, es ist einfach so.

Für viele Leser dieses Interviews mögen Ihre beschriebenen Szenarien nicht nur erhellend, sondern auch sehr erschreckend sein.
Gerd Leonhard: Das kann ich nachvollziehen. Deshalb ist es wichtig, das wir lernen, mit der Technologie richtig umzugehen. Es ist ganz klar, dass wir nicht ständig mit der ganzen Welt vernetzt sein können. Wir brauchen auch Zeit für uns selber um zu denken, zu verdauen und uns zu bewegen. Alles Dinge, die ein Computer nicht braucht. Darum sage ich gelegentlich: Offline zu sein, ist der neue Luxus. Auch diese Zeit müssen wir uns nehmen.



Lebensmittel-Industrie Ausgabe 5/6 Juni 2017