Umwälzende Veränderungen


Liebe Leserin, lieber Leser

Der anfängliche Rummel um den 3D-Druck im Lebensmittelbereich scheint sich gelegt zu haben. Einige Tüftler konnten mit ihren ersten Versuchen zwar tatsächlich begeistern. Für die Industrie hingegen erweist sich der 3D-Druck bislang von untergeordneter Bedeutung, weil die Herstellungsmethode noch technische Unzulänglichkeiten aufweist, die Produktionsgeschwindigkeit gering und das Verfahren insgesamt nicht ausgereift ist. Trotzdem kann das Thema nicht einfach abgehakt werden. Im Gegenteil: In unserem Fachbericht zeigen Wissenschaftler der Berner Fachhochschule auf, dass im 3D-Bereich die echten Mehrwerte – die bislang fehlten – in Reichweite sind (Seite 22). So legen erste Ergebnisse nahe, dass Konsumenten Zucker stärker wahrnehmen, wenn dieser in einem Produkt in bestimmten Schichten platziert wird. Auch beim Fleischbrät zeichnet sich ab, dass das Druckmuster den Geschmack beeinflusst. Und: Die 3D-Technologie könnte mithin industriell ein neuer Schlüssel werden, um Salz und Zucker in Lebensmitteln zu verringern.

Wird somit in der Nahrungsmittelbranche ein weiterer 3D-Hype entfacht? Davon ist Futurist Gerd Leonhard absolut überzeugt. In unserem Interview auf Seite 8 erklärt er: «In weniger als fünf Jahren werden Lebensmitteldrucker zum grossen Thema werden.» Der Lebensmittelindustrie und Gastronomie stehen umwälzende Veränderungen bevor. Ein Beispiel: In den USA gibt es bereits Pizza-Restaurants, die ihre Produkte nicht mehr im Holzofen zubereiten, sondern mittels 3D-Drucker. Die Gäste können ihre individuellen Zutaten wünschen, beispielsweise die Zugabe einer biologischen Tomatensauce. Aber das ist erst der «Vorgeschmack»: Gerd Leonhard kann sich vorstellen, dass Hersteller wie Unilever und Procter & Gamble ihre Produkte nicht mehr primär in der Fabrik herstellen, sondern vor Ort beim Kunden. So könnten künftig Glacés in der Badi direkt aus dem 3D-Drucker kommen, gleiches gilt für Schoggi-Produkte und Backwaren, die beispielsweise an einem Markt oder Festival «frisch aus der Düse» feilgeboten werden. Mit einem gewissen Recht befürchten Kritiker einen «kulinarischen Einheitsbrei», weil die 3D-Herstellung von Lebensmitteln die Massenproduktion fördert und die Globalisierung weiter kräftig vorantreibt. Diese Entwicklung wird aber unweigerlich zu Nischenmärkten führen. Auch künftig werden Nahrungsmittel, die traditionell und in kleinen Gewerbebetrieben hergestellt werden, gefragt sein. Sie werden indes im Vergleich zu 3D-Erzeugnissen überproportional teuer sein, innovativen Herstellern aber auch künftig das Überleben sichern.

Christoph Hämmig
Chefredaktor



Lebensmittel-Industrie Ausgabe 5/6 Juni 2017