«Smart Farming wird die Agrarwirtschaft massgeblich verändern»


Die Fenaco Genossenschaft spielt in der Schweizer Agrarwirtschaft und der Lebensmittelherstellung eine zentrale Rolle. Im Interview zeigt Dr. Martin Keller die Strategie in der Nahrungsmittelproduktion auf und skizziert Zukunftsszenarien für die Landwirtschaft. Der Vorsitzende der Fenaco-Geschäftsleitung spricht über Details zu Smart Farming und macht deutlich, wie durch die Digitalisierung die Agrarwirtschaft massgeblich verändert wird.

Interview: Christoph Hämmig

Martin Keller: «Für Forschungszwecke investieren wir zusammen mit Partnern bis zu 500 000 Franken pro Jahr.»

Fenaco umfasst mehr als drei Dutzend Firmen und Marken. Welche Firmenstrategie verfolgen Sie damit?
Martin Keller: Die Fenaco Genossenschaft besteht aus vier Geschäftsfeldern: Agrar, Lebensmittelindustrie, Detailhandel und Energie. Das Unternehmen wurde vor bald 25 Jahren aus sechs regionalen Genossenschaftsverbänden gegründet, die bereits vorher gemeinsam sogenannte Zweckgesellschaften geführt hatten – also eigenständig am Markt auftretende Unternehmen wie die Frigemo. Diese sind bis heute weiterhin als eigenständige Unternehmen am Markt unterwegs und damit sehr erfolgreich. Die Fenaco-Genossenschaft ist so gesehen also ein Konglomerat, eine Gruppe aus erfolgreichen KMU, unterstützt von starken zentralen Dienstleistungseinheiten.

Welchen Nutzen ziehen Sie daraus?
Martin Keller: Der Vorteil unserer Mehrmarken-Strategie ist, dass sich die einzelnen Geschäftseinheiten mit ihren Marken nahe am Kunden, präzise positionieren können. Viele unsere Marken wie Landi, Volg, Agrola, UFA, Landor, Ramseier oder Elmer Citro sind zwischen 30 und über 100 Jahre alt und verfügen über hohe Bekanntheits- und Sympathiewerte.

Welche Rolle spielt denn die Fenaco-Genossenschaft angesichts der verschiedenen, eigenständigen Unternehmen?
Martin Keller: Der gemeinsame Nenner, also die Klammer über der Unternehmensgruppe, bildet die Fenaco-Genossenschaft mit ihrem Zweckauftrag für die Schweizer Bäuerinnen und Bauern und ihrer starken Werteorientierung. Zudem werden Investitionsentscheide ab einer bestimmten Grössenordnung von der Verwaltung und der Geschäftsleitung der Fenaco getroffen. Bei der Rekrutierung, der Personalentwicklung, den internen Weiterbildungen, aber auch bei allen zentralen Dienstleistungseinheiten, wie zum Beispiel Finanzen, Informatik oder Human Resources, steht die Marke Fenaco im Vordergrund. Heute würde man von Employer Branding sprechen. Wir sind von dieser Strategie überzeugt – und unser jahrelanger geschäftlicher Erfolg gibt uns recht. Ich darf mit Stolz darauf hinweisen, dass die Fenaco-Genossenschaft seit ihrer Gründung 1993 nicht ein einziges Mal rote Zahlen geschrieben hat, weder auf Stufe Betriebsergebnis noch beim Reingewinn. Gleichzeitig wurden Umsatz, Ergebnis und Eigenkapital Jahr für Jahr gestärkt.

Wo liegen die Potenziale in den Geschäftsfeldern Agrar und Lebensmittelindustrie?
Martin Keller: Im Geschäftsfeld Agrar haben wir in den letzten 20 Jahren starke Marktpositionen erreicht. Wir nutzen diese, um – wie im letzten und im laufenden Jahr – die Preise für Produktionsmittel für die Schweizer Landwirte auf breiter Front zu senken. Ich gehe davon aus, dass künftiges Wachstum im Geschäftsfeld Agrar vor allem aus der Geschäftseinheit Agrartechnik sowie aus kleineren internationalen Aktivitäten, wie dem Düngerhandel in Frankreich, Nützlingsausbringung per Multikopter und weiteren innovativen Aktivitäten kommen wird. Das Stichwort hierzu lautet: Smart Farming. Das Geschäftsfeld Lebensmittelindustrie hat sich trotz Preisdruck gut behauptet. Allerdings ist das Wachstumspotenzial aufgrund unserer Fokussierung auf die Schweiz begrenzt. Wir haben führende Positionen erreicht bei Pommes frites, Tiefkühlgemüse, Eiern, Früchte, Gemüse und Kartoffeln und bei Obstsäften sowie mit Schweizer Wein. Mit Ramseier sind wir einer der führendsten Bierbrauer der Schweiz und hinter Bell und Micarna der drittgrösste Metzger, allerdings in beiden Märkten deutlich kleiner als die beiden Marktführer.

In der Lebensmittel- und Getränkeherstellung ist Automation respektive Industrie 4.0 angesagt. Wann entsteht bei Fenaco die erste Smart Factory?
Martin Keller: Unsere Lebensmittelindustriebetriebe verfügen selbstverständlich über einen hohen Automatisierungsgrad – anders wäre es nicht mehr möglich, in der Schweiz erfolgreich zu produzieren.

Im Leistungszentrum Ins von Fenaco Landesprodukte werden frische Radieschen gewaschen.

Die Investition in die Zukunftstechniken sind teuer. Ist dafür genügend Geld vorhanden?
Martin Keller: Die Fenaco-Genossenschaft investiert jährlich in allen vier Geschäftsfeldern insgesamt zwischen 150 und 200 Millionen Franken in den Ausbau und in die Modernisierung ihrer Anlagen und Infrastrukturen. Natürlich wird im Rahmen von Investitionsentscheiden jeweils darum gerungen, wo wie hohe Beträge investiert werden. In der Gesamtschau orientieren wir uns am jährlichen Cashflow, der uns den Rahmen für die Investitionssumme gibt.

Wie wird sich die Schweizer Lebensmittelherstellung in Zukunft weiterentwickeln?
Martin Keller: Bereits heute verfügen Nahrungsmittel aus der Schweizer Landwirtschaft über Mehrwerte im Vergleich zu Produkten aus dem Ausland. Schweizer Lebensmittel nehmen bezüglich Qualität, Sicherheit, Nachhaltigkeit, Rückverfolgbarkeit und Tierwohl weltweit Spitzenplätze ein. Der Familienbetrieb in der Schweizer Landwirtschaft stösst bei den Konsumenten auf grosse Sympathie. All diese Mehrwerte gilt es gut zu kommunizieren, sodass auch bei sich weiter öffnenden Märkten unsere Kunden aus Überzeugung zu Schweizer Lebensmitteln greifen. Herkunftsangaben wie Suisse Garantie oder Labels wie Agri-Natura, Naturaplan, Terrasuisse, BioSuisse und andere können dabei entscheidend beitragen.

Bei Frigemo in Zollikofen werden Frisch- und Convenience-Produkte hergestellt.

Aber auch ausländische Anbieter schlafen nicht.
Martin Keller: Das ist richtig. Wir stellen fest, dass auch in den umliegenden europäischen Ländern Massnahmen getroffen werden, um die Qualität und Sicherheit von Landwirtschaftsprodukten zu verbessern. Wie also können wir zusätzliche Mehrwerte von Schweizer Landwirtschaftsprodukten generieren, mit denen wir auch in Zukunft eine Nasenlänge Vorsprung gegenüber unseren Mitbewerbern aus dem Ausland halten können? Indem wir diese Mehrwerte auf wissenschaftliche Erkenntnisse abstützen. Gleichzeitig sollen die genannten Mehrwerte für die Konsumenten relevant und nachvollziehbar sein. Wir haben uns deshalb entscheiden, eine Forschungskooperation mit Agroscope einzugehen, mit dem Ziel, zusätzliche Mehrwerte zu generieren – zum Beispiel, indem wir Lösungen erarbeiten, um die Risiken beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln im Gemüse- und Obstanbau weiter zu reduzieren.

Welche Trends zeichnen sich international ab?

Martin Keller: Die Weltbevölkerung wächst weiter. Die Ernährungsgewohnheiten verändern sich mit steigendem Wohlstand und führen zu einem höheren Ressourcenverbrauch in der Land- und Ernährungswirtschaft. Die natürlichen Ressourcen sind knapp und weltweit ungleich verteilt, insbesondere fruchtbares Ackerland und für die Landwirtschaft verfügbares Wasser. Der Klimawandel verschärft die Situation zusätzlich, indem er die Ertragsschwankungen ansteigen lässt und dadurch die Produktion verteuert. Die weitgehend erfolgreiche Antwort der Land- und Ernährungswirtschaft auf diese Herausforderungen lautete bisher: Produktivitätssteigerungen durch technischen Fortschritt in Pflanzenbau, Tierhaltung und Agrartechnik. Allerdings wächst seit einiger Zeit auch das Bewusstsein, dass gleichzeitig mit den Produktivitätssteigerungen der Ressourcenverbrauch reduziert werden muss, insbesondere auch in der Schweiz.

Der Abpackbereich für Karotten bei Steffen-Ris (Fenaco Landesprodukte) in Frauenfeld.

Können Sie dies konkreter ausführen?
Martin Keller: Mit Blick auf die Zukunft spricht man deshalb in der Schweizer Landwirtschaft von der «ökologischen Intensivierung»: Mehr Ertrag und bessere Qualität der Endprodukte bei weniger Ressourcenverbrauch – also mehr mit weniger. Neben den bekannten Forschungsdisziplinen des Pflanzenbaus, der Tierhaltung und der Agrartechnik, die ihre hohe Bedeutung behalten werden, kommt eine neue, vielversprechende Komponente hinzu: die Digitalisierung der Land- und Ernährungswirtschaft, also die Verknüpfung von Daten zwischen Menschen und Maschinen, die bei intelligenter Nutzung von «Big Data» zu «Smart Data» werden. Die «Landwirtschaft 4.0» wird somit die klassischen Forschungsdisziplinen stärker verknüpfen müssen, um die steigende Weltbevölkerung auch langfristig ernähren zu können, ohne unsere wertvollen, natürlichen Ressourcen unwiderruflich zu schädigen.

Umwälzende Veränderungen stehen der Agrarwirtschaft bevor: Die Digitalisierung hat den Landwirt erreicht. Wie kommen die Bauern mit der Umsetzung zurecht?

Martin Keller: Wie bei jeder grösseren Veränderung entstehen Fragen, manchmal auch Unsicherheiten. Ich stelle aber auch fest, dass die Schweizer Landwirte bestens ausgebildet und offen für neue Technologien sind, insbesondere die Junglandwirte. Als führendes Agrarunternehmen in den Händen von Schweizer Bauern sieht sich die Fenaco in der Verantwortung, die Landwirte auch bei der Digitalisierung nachhaltig zu unterstützen und engagiert sich beim Aufbau der führenden Schweizer Smart Farming-Plattform Barto.

Worum geht es hier konkret?
Martin Keller: Smart Farming, das heisst die Digitalisierung, ist eines der grossen Innovationsthemen der Land- und Ernährungswirtschaft. Dabei bedeutet Smart Farming nicht allein das elektronische Ansteuern von Maschinenfunktionen und deren Darstellung auf einem Display. Es geht darum, die landwirtschaftlichen Produktionsprozesse in allen Bereichen – Pflanzenbau und Tierhaltung – digital zu planen, zu erfassen und zu dokumentieren. Dabei werden alle für die Landwirtschaft relevanten Daten gesammelt, um daraus smarte, intelligente und vor allem mehrwertstiftende Informationen zu gewinnen.

Was heisst das in der Praxis?
Martin Keller: Mit Hilfe dieser Informationen können Landwirte ihre Entscheidungen als Unternehmer selbstständig optimieren. Zusätzlich können die Daten für die Dokumentation und Nachweispflicht gegenüber den Kantonen, dem Bund und den Label-Gebern genutzt werden. Die mehrfache Erfassung der immer gleichen Informationen kann reduziert werden. Dadurch wird bereits kurzfristig ein erheblicher Mehrwert durch eine deutliche administrative Entlastung entstehen. Smart Farming wird auch die Schweizer Agrarwirtschaft in Zukunft massgeblich verändern und erheblich prägen.

Fenaco war beispielsweise an einem Drohnen-Projekt beteiligt. Wie lautet das erste Fazit?
Martin Keller: Der Multikopter, mit dem der Maiszünsler biologisch bekämpft werden kann, ist eine Erfolgsgeschichte. Mittlerweile werden rund 11 000 Hektaren in der Schweiz und in Deutschland mit dieser biologischen Schädlingsbekämpfungsmethode behandelt.

Frigemo, eine Geschäftseinheit der Fenaco, produziert in Cressier NE Kartoffelspezialitäten.

Wie gross ist Fenacos Jahresbudget für Forschung und Entwicklung?
Martin Keller: Wir sind primär ein Handels- und Produktionsunternehmen und verfügen daher über keine Forschung und Entwicklung in grossem Umfang. Dennoch will Fenaco eine führende Rolle bei der Weiterentwicklung der Schweizer Ernährungswirtschaft übernehmen und geht daher Forschungskooperationen mit renommierten Institutionen wie der ETH Zürich, Agroscope und Fachhochschulen wie der HAFL ein. Wir setzen dafür Mittel in der Grössenordnung von bis zu 500 000 Franken pro Jahr ein.

Sie betonen die Bedeutung von Innovation und Nachhaltigkeit. Wo legen Sie damit bei Fenaco Schwerpunkte?
Martin Keller: Von grosser Bedeutung sind unsere beiden Forschungspartnerschaften mit der ETH Zürich und Agroscope. Im Bereich Nachhaltigkeit haben wir uns sieben Schwerpunktthemen gesetzt und verfolgen anhand von konkreten Indikatoren langfristige Ziele wie die Senkung unserer CO2-Emmissionen, die Steigerung der Energieeffizienz, Verringerung von Food Waste und eine nachhaltige Beschaffung von Rohwaren und Konsumgütern wie Haus- und Gartenartikel.

Fleischverabeitung bei der Ernst Sutter AG, einer Geschäftseinheit der Fenaco.

An welchem Projekt arbeiten Sie mit Agroscope?
Martin Keller: Die Zusammenarbeit von Agroscope und Fenaco unter dem Titel «Mehrwert Schweizer Landwirtschaftsprodukte», die im Oktober 2016 gestartet wurde, soll zu gemeinsamen Forschungsresultaten und zu Innovationen in der Praxis führen. Geforscht wird im Rahmen von spezifischen Projekten zu einzelnen Landwirtschaftsprodukten. Die drei laufenden Projekte betreffen Karotten, Äpfel und Saatgetreide. Produktionsverfahren sollen so verbessert werden, dass die Konsumenten auch in Zukunft von Schweizer Landwirtschaftsprodukten überzeugt werden können. Zudem geht es darum, Potenziale in der Produktion oder Verarbeitung zu identifizieren, um Schweizer Lebensmitteln neue Wettbewerbsvorteile zu verschaffen oder diese zu stärken.

Abpackbereich für Tafeläpfel von Union-Fruits (Fenaco Landesprodukte) in Charrat.

Die Fenaco-Genossenschaft
Die Fenaco ist eine Agrargenossenschaft mit über 100-jähriger Idee und liegt in den Händen von rund 200 Landi und deren gut 42 000 Mitgliedern, mehrheitlich Schweizer Bäuerinnen und Bauern. Die Fenaco sorgt als Abnehmerin der Landwirte dafür, dass die wertvollen Schweizer Lebensmittel zu den Kunden kommen – von Obst, Gemüse und Kartoffeln bis zu Fleisch und Getränke. Als Lieferantin bietet die Fenaco eine breite Palette von Produkten und Dienstleistungen, die es für eine nachhaltige, effiziente und marktorientierte Landwirtschaft braucht. Zu den bekanntesten Marken der Fenaco gehören der Getränkehersteller Ramseier Suisse, der Fleischverarbeiter Ernst Sutter, die Detailhändler Volg und Landi, Düngerhändlerin Landor, Futtermittelherstellerin UFA sowie die Energieanbieterin Agrola. Die Fenaco Genossenschaft mit Sitz in Bern beschäftigt rund 10 000 Mitarbeitende und erzielte 2016 einen Nettoerlös von 5,94 Milliarden Franken.



Lebensmittel-Industrie Ausgabe Dezember 11/12 2017