Befreiungsschlag nötig


Liebe Leserin, lieber Leser

Prima vista herrscht in der Back- und Süsswarenindustrie eitel Sonnenschein. Dieser Eindruck wird in unserer Berichterstattung zusätzlich verstärkt. In den Artikeln unserer Autoren Dr. Guido Böhlerund Peter Jossi werden Innovationen in den Bereichen Produktion und Technik fokussiert und  eindrückliche Nachhaltigkeit dokumentiert. Besonders beispielhaft zeigt sich die Beck Glatz Confiseur AG in Bern, die seit 1864 ihren eigenen Weg geht – ein Traditionsunternehmen mit Erfolg.

In die gleiche Wertschöpfungskette gehören die Müllerei-Betriebe, welche die Backwarenproduzentenzuverlässig mit den unterschiedlichsten Mehlmischungen beliefern, sich kontinuierlich neuen Bedürfnissen anpassen und zusammen mit den Abnehmern neue Produkte kreieren.

Im Müllerei-Bereich findet indes seit Jahren ein unerbittlicher Verdrängungskampf statt, der sich auch in der Statistik widerspiegelt. 1936 existierten in der Schweiz noch über 300 Mühlen. Knapp 80 Jahre später zählt die Branche noch rund 40 eigenständige Betriebe. Eine davon ist die Willi Grüninger AG in Flums. Gemäss Geschäftsführer und Mitinhaber Willi Grüninger ist die Flurbereinigung noch nicht ausgestanden. Wer aber wie Grüninger in den letzten Jahren einen zweistelligen Millionenbetrag in die Modernisierung und die praktisch vollständige Automation steckt, glaubt an die Zukunft.

Und dennoch: Ob Bäcker, Chocolatier oder Müller: Hinter den Kulissen rumort es. Einmal mehr erhitzen die bekannten brisanten Themen Schutzzölle und «Schoggigesetz» die Gemüter. In der Branche setzt sich allmählich die mit an Sicherheit grenzende Gewissheit durch, dass diese – provokativ ausgedrückt – alten Zöpfe auf die Dauer nicht mehr zu halten sind. Insbesondere die Exportsubventionen im Agrarbereich stehen bei der WTO auf der Abschussliste. Die EU schaffte die Ausfuhrsubvention 2014 ab. Mittlerweile gehören nebst der Schweiz weltweit nur noch Kanada und Norwegen zu jenen Ländern, die an den international geächteten Ausfuhrbeiträgen festhalten.

Dieser Umstand ist bei uns mitunter auf die starke Landwirtschaftslobby zurückzuführen. Neu plant Bundesrat Johann Schneider-Ammann den Befreiungsschlag. Wie Co-Geschäftsführer der Fial und Direktor der Chocosuisse, Urs Furrer, in unserer Rubrik «Carte blanche» schreibt, hat der Wirtschaftsminister dem Seco den Auftrag erteilt, zur Ablösung des heutigen Systems des «Schoggigesetzes» Alternativen auszuarbeiten. Diese Aktion erfolgt keine Minute zu früh. Experten halten es nämlich für realistisch, dass die WTO im Dezember an der Ministerkonferenz in Nairobi die Agrar-Exportsubven-tionen komplett verbieten wird. Womit die Schweiz im Regen stünde. Nach dem eingangs erwähnten Sonnenschein droht nun also ein heftiges Unwetter mit Orkanböen – hoffentlich mit (be)reinigender Wirkung.

Christoph Hämmig
Chefredaktor